Leserstimme zu
Marcel Reich-Ranicki

Jahrhundertzeuge Reich-Ranicki

Von: Jules Barrois
18.05.2015

Wer kennt ihn nicht, den großen Streithammel der westdeutschen Nachkriegskultur, der die Literatur hierzulande popularisiert hat wie kein anderer zuvor. Brauchen wir eine weitere Biographie? Oder ist sie nur Teil einer Marcel-Reich-Ranicki-Vermarktungs-Maschinerie? Natürlich ist eine solche Biographie lesenswert und auch spannend. Denn, wie Gerhard Stadelmaier in der FAZ sagte, […] dass es keinen Publizisten in Deutschland zu keiner Zeit gab, der derartig parodiert, nachgemacht, auf sämtlichen Kabarett-Heroen-Zungen genüsslich-saftig zum imitatorischen Nachbeben und somit ins unsterbliche Nachleben gezogen wurde wie Marcel Reich-Ranicki. Uwe Wittstock, der bereits für den Fischer Verlag und die Welt arbeitete, zur Zeit beim Focus als Literaturredakteur tätig ist und in den 1980er Jahren unter Marcel Reich-Ranicki bei der FAZ als Literaturredakteur wirkte, hat seine Biografie sehr chronologisch aufgebaut. Er stützt sich dabei auf seine persönlichen Begegnungen mit Marcel Reich-Ranicki und auf Gespräche, die er mit Wegbegleitern von Reich-Ranicki geführt hat. Uwe Wittstock arbeitet sehr gut die Aggressivität wie die Empfindlichkeit des Kritikers als Reaktionen auf die traumatischen Holocaust-Erlebnisse heraus. Aber dann zieht der Autor in weiten Teilen die Samthandschuhe an und vermeidet es tunlichst, heiße Eisen anzufassen, wie etwa: Historikerstreit, Fest, Walser, Bubis. Das enttäuscht etwas, vor allem da Uwe Wittstock Marcel Reich-Ranicki aus langjähriger Zusammenarbeit kennt. Insgesamt versteht es aber der Autor, ein eindrucksvolles Bild von Marcel Reich-Ranicki mit seinen Stärken und Schwächen zu zeichnen. Man erlebt ihn als energiegeladenen, ehrlichen und oftmals provozierenden Kritiker, der dem breiten Publikum Literatur näher bringen wollte, der durch seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs entscheidend für sein Leben geprägt war, sich häufig als Außenseiter fühlte und in der Literatur seine Heimat fand, die ihm in seinem Leben immer wieder genommen wurde. All dies wird überaus fesselnd und interessant herausgearbeitet. Die Biografie ist nicht trocken geschrieben. Sie lässt sich sehr flüssig lesen, spannend und lehrreich. Eine fesselnd geschriebene Biografie über Deutschlands bekanntesten Literaturkritiker, die ein sehr einfühlsames Bild von Marcel Reich-Ranicki liefert. Reich-Ranicki in seiner ganzen Charaktervielfalt zu erfassen, das gelingt nicht jedem. Aber Uwe Wittstock liefert einen wesentlichen Beitrag dazu.