Leserstimme zu
Are you finished? - No, we are from Norway

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Kellnerwahnsinn

Von: Michael Seiler
25.05.2015

Sophie Seidel berichtet in diesem Buch, wie so viele andere Autoren in letzter Zeit, aus ihrem nur scheinbar unspektakulären Arbeitsalltag und ermöglicht damit ungeahnte Einblicke. Neben der Schriftstellerei arbeitet sie nämlich als Kellnerin und macht dabei so manche Beobachtung, die, mehr oder weniger unfreiwillig komisch, tief blicken lässt. Es ist wahrlich für viele Gäste nicht selbstverständlich, dass man in einer Servicekraft (wie es professionell heißt) mehr als nur einen Tellerträger sieht. Aus diesem Grund beschreibt die Autorin die wichtigsten Aspekte und Herausforderungen ihres "Brotberufs" detailliert, aber nie ohne Augenzwinkern und gelegentlich sogar mit einem Schuss Selbstkritik. Klar, umgekehrt regen sich vereinzelte Restaurantbesucher sicher auch mal zu recht über eine patzige Bedienung auf, aber hier erfahren wir, wie es zu solchen Gemütslagen kommen kann. Schließlich sind Kellner(innen) auch nur Menschen. Ehrlich gesagt kennt der eine oder andere Leser vermutlich so manche der beschriebenen Situationen oder zumindest Menschen, denen man das entsprechende Benehmen durchaus zutraut.Das Münchner Lokal "Bräufassl" taucht hier, wie auch die Autorin selbst, unter einem Pseudonym auf, dennoch glaubt man die im Buch enthaltenen Szenen durchaus, so etwas kann sich unmöglich jemand ausdenken. Sei es der Gast, der den Emmentaler gerne mit ein paar Löchern weniger hätte, die Frau, die mit dem Foto des verstorbenen Ehemannes ihren Hochzeitstag feiert und anschließend ins Theater geht oder Touristen aus aller Welt mit ihren ganz eigenen Macken, pardon, Eigenheiten. Nebenbei erfährt man auch, was von Online-Bewertungen diverser Restaurants zu halten ist, vor allem, wenn sie sich an peinlichen Kleinigkeiten aufhängen. Für was humorvolles bin ich als Hobbysatiriker ja fast immer zu haben. Vor allem dann, wenn damit anspruchsvolle Unterhaltung möglich ist, man nicht jeden Gag einzeln erklärt bekommt und auch nicht fröhlich auf der Würde anderer Menschen herumgetrampelt wird. Schon der Titel verspricht eine Menge Spaß, also habe ich mich auf das Buch gestürzt und es an einem Abend und der darauf folgenden Nacht durchgeschmökert. Ein Vergnügen! Und ein bisschen Aufklärung gleich dazu. Mir fällt spontan nichts ein, was mir an diesem Buch negativ aufgefallen wäre. Klar, es hätte auch noch etwas länger sein dürfen, aber vielleicht gibt es ja eines Tages einen zweiten Band. Sophie Seidel hat den Kellner(neben)beruf nämlich noch lange nicht an den Nagel gehängt. Die vorliegende Ausgabe hat mit 272 Seiten die perfekte Länge um kurzweiliges Lesevergnügen zu bieten. Die einzelnen Kapitel wechseln sich mit verschiedenen Top Fives (der schrägsten Bayrischen Gerichte, der besten Kollegen-Kommentare, der extravagantesten Sonderwünsche usw.) ab und werden jeweils durch ein kurzes Zitat oder eine kleine kuriose Szene eingeleitet. Alles in allem ein sehr unterhaltsamer und wahrlich amüsanter Einblick in einen Beruf, über den die Öffentlichkeit viel zu wenig weiß. Seitenzahl: 272 Format: 12,1 x 18,8 cm, Broschur Verlag: Blanvalet michiseiler.blosport.de