Leserstimme zu
Verlust

Langsam und unaufhaltsam dem Untergang entgegen?

Von: Jules Barrois
02.07.2015

Der US-Schriftsteller Paul Harding erzählt in seinem neuen Roman "Verlust" von einem Mann, der sich an der Vergangenheit festhält, weil ihm die Zukunft abhandengekommen ist. Charlie Crosby heißt er, und er ist der Enkel von George Washington Crosby, der Hauptfigur in Hardings international erfolgreichem Vorgängerroman "Tinkers". 2010 bekam Harding den Pulitzer-Preis für die Lebensgeschichte des Mannes, dem auf dem Sterbebett die Nieren versagen: Er wird von innen heraus vergiftet und verfällt zunehmend in Halluzinationen, hüpft in ungeordneten Gedanken durch seine Erinnerungen. "Verlust" spielt erneut in der fiktiven Kleinstadt Enon in Maine. Harding schreibt die Familiengeschichte der Crosbys fort, arbeitet mit ähnlichen Motiven und stilistischen Mitteln: delirierenden Erinnerungen, detailversessenen Naturschilderungen. 20 Jahre nach dem Tod seines Großvaters George lebt dessen Enkel Charlie die Familientradition in Enon fort. Er saß damals lange am Sterbebett und hat als kleiner Junge selbst miterlebt, wie der Mann starb, an den er noch heute so viele prägende Erinnerungen hat. Die Landschaft, der Fluss und der Ort haben für Charlie nur deshalb eine so große emotionale Bedeutung, weil sie ihm schon damals in die Wiege gelegt wurde. Und er hat nie zugelassen, dass von seinem Großvater nur das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten geblieben ist. Charlie hat seiner Tochter Kate so viel von ihrem Urgroßvater erzählt, dass sie manchmal meint, ihn wirklich zu kennen. Aber Kate stirbt bei einem Fahrradunfall im Alter von 13. Unvermittelt zerbricht eine ganze Welt, in der bis dahin eher die Männer ihre Frauen zu Witwen und ihre Kinder zu Waisen gemacht haben. Unvermittelt zieht es Charlie den Boden unter den Füßen weg und ebenso unvermittelt verstehen wir als Leser, den ganz schlichten und doch so bezeichnenden Titel „Verlust“. Charlie, seine Frau verlässt ihn, um kurz nach der Beerdigung zu ihrer Familie zurück zugehen, bleibt allein in der kleinen Stadt Enon in New England zurück und widmet sich einer Selbstmedikation mit Schmerzmitteln und Whisky. Im Rausch erinnert Charlie sich an Kates Kindheit und an seine eigene, bis sich Gegenwart und Vergangenheit völlig durchdringen: Er halluziniert, verfällt Wahnvorstellungen, fühlt sich umringt von Gespenstern. Von hier bis zu seiner vorsichtigen Erholung ein Jahr später, erzählt er seinen Abstieg in den Drogen-Wahnsinn. Unter Inanspruchnahme seiner Belesenheit versucht er Stücke von Ordnung und Trost zu finden, die vorher von der Liebe zu seiner Tochter definiert war. Paul Harding hat einen intensiven Roman über den Totalverlust eines Vaters geschrieben. Sein Protagonist fällt durch alle Maschen des Netzes, das er für sich und seine kleine Familie gewoben hat. Im Rückblick auf die gemeinsame Zeit mit seiner Tochter öffnet sich eine doppelt gelebte Jugend in Enon. Indem er sich an ihre Kindheit erinnert, legt sich die Erinnerung an die eigene wie ein Schutzfilm über seine Trauer. Und doch fällt er tief und tiefer. Haltlos versinkt er in Drogen, um seinen Schmerz zu betäuben. Und immer wieder begegnet er seinem Großvater George in der Tiefe der Gedanken. „Verlust“ ist nicht nur ein Ich-Roman, sondern ein Ein-Personen-Roman mit einem reichen Fundus an Rückblenden. Das Muster von Charlies Trauer, der wir für ein Jahr folgen, wird durch Änderungen in der Landschaft um ihn herum abgebildet. Kate stirbt im Spätsommer; Gegen Ende des Buches, einen Sommer später, wird die Ostküste von einem Hurrikan heimgesucht, der einen Moment der Reinigung bietet und wie eine geschwollene Metapher in einem Buch herausragt, dessen Bedeutungen der Leser mit Geduld zu finden vermag. Der Roman treibt so langsam und unaufhaltsam, wie der Fluss selbst, der diese Landschaft durchzieht. Unaufhaltsam stürzt auch Charlie Crosby selbst dem scheinbaren Untergang entgegen. Ob es ihm selbst gelingt, die Notbremse zu ziehen, oder ob das in ihm verankerte kollektive Gedächtnis seiner Vorfahren in Verbindung mit seiner Naturverbundenheit ein Wunder bewirken kann, das sollte man sich in seinem ganz eigenen Tempo erlesen. Was bleiben wird, ist die tiefe Erkenntnis, wie unbedeutend unsere kleinen Alltagssorgen im Vergleich zu einem solch tragischen Verlust doch sind. Harding weckt ein Gefühl in uns, das in unserer Zeit so häufig vermisst wird. Nicht Mitleid empfinden wir. Es ist große Empathie, da wir tief in die Innenansicht von Charlie Crosby eindringen und seine Gefühle in uns aufsaugen. Er lässt uns nah an sich heran. Der Roman ergeht sich in wunderschönen Naturbetrachtungen im Wald und am See. Man spürt buchstäblich als Leser die Düfte und Stimmungen des Tages. Daneben wird man Zeuge einer beispiellosen Verzweiflung, mit der Charlie den Bezug zur Gegenwart zu verlieren scheint. Er wird medikamentensüchtig und beschafft sich Drogen und Schmerzmittel auf immer unzulässigeren Wegen. Äußerlich kommt er herunter. Die Parallelgeschichte: hier die empfindsamen Naturbeobachtungen und da der körperliche Verfall eines aus allen Bindungen gefallenen Mannes macht den Reiz des Romans aus, der sich den schönen und den traurigen Seiten des Lebens widmet. Verlust ist das Thema. Dieser wird in vielfältiger Weise erkennbar und trägt den armen Vater weit fort aus seinem bisherigen Leben. Die Visionen, Erinnerungen und Halluzinationen sind lebensnah beschrieben und lassen einen spüren, dass es Trauer gibt, die das bisherige Leben fast auslöschen. Gehen Sie in Gedanken einen Lebensweg mit, von dem Sie nicht wissen, wie er enden wird. Lesenswert und sehr zu empfehlen.