Leserstimme zu
Alles muss versteckt sein

Wieder einmal hat es Wiebke Lorenz geschafft, mich bis zur letzten Seite zu fesseln!

Von: Cocolinchen
08.07.2015

Marie ist eine sympathische, junge Frau. Doch ein schwerer Schicksalsschlag verändert alles in ihrem Leben. Von da an wird sie von furchtbaren Gewaltfantasien gequält. In Gedanken verletzt sie andere Menschen, quält und tötet sie grausam. Diese Vorstellungen überfallen sie plötzlich und richten sich meistens gegen Menschen, die sie mag. Doch denken ist ja nicht tun, oder etwa doch? Denn eines Tages steht fest, Marie hat ihren Geliebten im Schlaf getötet. Sie wird verurteilt und in eine geschlossene Psychiatrie gesteckt. Sie versteht die Welt nicht mehr, denn sie kann sich an die Tat nicht erinnern. Gemeinsam mit einem Psychologen versucht Marie die Geschehnisse zu rekonstruieren. Wie konnte sie zu dieser Tat nur fähig sein? Meine Meinung: Dieses Buch hat mich sehr berührt und lange Zeit nicht losgelassen. Zum einen liegt das an Wiebke Lorenz Schreibstil. Spannung bis zur letzten Seite wie schon bei Bald ruhest du auch. Ich bin mittlerweile wirklich ein Fan von ihr! Es gibt aber noch einen Grund, warum mich dieses Buch nicht mehr losgelassen hat. Die Geschichte an sich. Kann jeder Mensch plötzlich unter so einer Zwangserkrankung leiden? Könnten wir alle zu so einer Tat fähig sein? Ist denken wirklich nicht gleich tun oder sind wir dem Überschreiten der Grenze manchmal näher als wir eigentlich hoffen? Wie muss es für jemanden sein, der sich wirklich täglich mit solchen Gedanken herumplagen muss? Fragen, die mich immer noch beschäftigen und sicher noch lange beschäftigen werden. Marie ist eine Person, die mich gleich interessiert hat. Man lernt sie kennen und leidet mit ihr. Man begleitet sie durch die schlimmste Zeit ihres Lebens und versucht mit ihr die Nacht des Mordes zu rekonstruieren. Doch das ist gar nicht so einfach. Stück für Stück tastet sie sich an die Mordnacht heran und gibt immer mehr von ihrem bisherigen Leben preis. Trotzdem scheint sie die Gedächtnislücken dieser einen Nacht nicht füllen zu können. Manchmal wollte ich sie einfach nur schütteln und rütteln und sagen, erinnere dich doch endlich! Die anderen Charaktere gefielen mir ebenfalls. Sie machen das Verwirrspiel perfekt. Jeder auf seine Art. Dieser Thriller ist anders als viele andere. Er ist auf seine Art grausam, aber auch einfühlsam. Die Macht der Gedanken bringt die Hauptperson zur Verzweiflung und raubt dem Leser manchmal wirklich den Atem. Es schockiert einen, zu welchen Gedanken der Mensch fähig sein kann, ohne dass man es ihm ansehen könnte. Das Thema "Zwang" wird anschaulich aufgegriffen und nicht nur oberflächlich abgetan. Ebenfalls erschreckend deutlich wird, wie allein die Betroffenen doch zum Teil mit dieser Krankheit sein müssen und wie schwer es sein kann, Hilfe zu bekommen. Alles muss versteckt sein - spannend bis zur letzten Seite. Dieses Buch ist auf jeden Fall etwas für alle Thriller-Fans, die sich gern auch mal mit tiefergehenden Problemen auseinandersetzen!