Leserstimme zu
Engelszorn

So muss Unterhaltung sein!

Von: Philipp
29.07.2015

Das in London lebende deutsche Autorenehepaar Alex Thomas hat mit „Engelszorn“ nun den dritten Teil ihrer Reihe um die rebellische Nonne Catherine Bell vorgelegt und bietet eine erstklassige Mischung aus Vatikan- und Mysterythriller, die begeistert, mitreißt und die wirklich wichtigen, großen Fragen auf eine intelligente Weise stellt. Ihren Start feierte die Reihe im Jahr 2011, als „Lux Domini“ bei Blanvalet erschien und die Leser mitten ins Herz traf. Denn im Mittelpunkt steht eine Nonne, die weiß, wie sie die Leute (und damit auch die Leser) für sich vereinnahmen kann: Mit ihren bestechenden Ideen und ihrem klaren Verstand rebelliert sie gegen die Kirche, was letztlich sogar in einem Disziplinarverfahren vor der Glaubenskongregation gipfelt. Dabei ist dies bloß der Aufmacher. Den Kern der Reihe bildet die Frage, wie dem Bösen gegenüberzutreten ist und das in einer Welt, wo man scheinbar niemanden wirklich kennt und niemand sich zu offenbaren wagt. So ist Catherine nämlich nicht nur eine rebellische Nonne, sondern auch eine Frau, die anders ist als andere Menschen. Um genau zu sein ist sie eine Mediale und kann die Auren ihrer Mitmenschen sehen – sie weiß also im Gegensatz zu all den anderen Menschen, wer und wie ihr gegenüber wirklich ist. Und es gibt mehr Menschen wie sie, alle mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und alle zusammen mit viel Macht. Während „Lux Domini“ von einer brutalen Mordserie erzählt, die Mitten im Vatikan geschieht und vor der niemand, aber auch wirklich niemand, gefreit ist, verlässt Alex Thomas mit „Engelspakt“ dem zweiten Roman der Reihe, mehr und mehr dieses Terrain. Zwar ist auch „Engelspakt“ durchaus ein Vatikanthriller, aber es dreht sich nicht mehr alles darum – hier wird der große Bogen für eine umfassendere Geschichte geöffnet. Nun, im dritten Roman, führt Alex Thomas auf kongeniale Weise die Fäden weiter. Zwischen Vatikan und Italien pendelnd wird eine angsteinflößende Geschichte erzählt. Neben dem Personal tauchen auch immer wieder Ideen und Geschehen aus den beiden ersten Romanen auf und werden hier vertieft, sodass Alex Thomas mit „Engelszorn“ eine wirklich fantastische Fortsetzung schreibt. Auch diesmal steht wieder Catherine Bell im Mittelpunkt, die gemeinsam mit Kardinal Ciban – seit „Lux Domini“ hat sich ihre von Rivalität geprägte Beziehung deutlich weiterentwickelt – in einer Abtei circa 100km entfernt von Rom ermittelt. In dieser Abtei nämlich hat ein Wesen gewütet und eine Spur grausamster Gewalt hinterlassen: Mit Ausnahme eines einzigen Mönches sterben alle Ordensleute. Sie verbrennen. Und das bei lebendigem Leib. Dabei ist – nein, war – diese Abtei eine Bastion des Geheimordens Lux Domini, den die Leser bereits aus dem ersten Roman kennen. Jener Orden versammelt die medial Hochbegabten der Kirche zum Schutz der Kirche und Seiner Heiligkeit, Papst Leo, welcher sich und die Kirche gerade für das Dritte Vatikanische Konzil vorbereitet. Catherine und Ciban kommen schnell auf die Spuren des Attentäters und müssen feststellen, dass die Zeit rennt, denn der Anschlag auf die Abtei war erst der Anfang. Dem Attentäter dürstet es nach Blut – und er ist auf direkten Weg nach Rom… Was nun in der Beschreibung äußerst vage klingt, ist selbst für den aufmerksamen Leser der Reihe nicht sofort klar. Alex Thomas schafft es dem Leser immer nur Bruchstücke des Rätsels Lösung zu präsentieren, aber doch genug, um die Spannung auf einem unwahrscheinlich hohen Niveau zu halten. Das ist erstaunlich und beneidenswert, denn es ist selbst auf dem Markt der Spannungsliteratur selten geworden, die Spannung so hochzuhalten, gar immer weiter voranzutreiben. Und durch eben jene undurchsichtige Konzeption ist „Engelszorn“ mehr als bloß Unterhaltung. Denn in diesem Geflecht von Fragen, Morden, Intrigen und zahllosen Geheimnissen stellt Alex Thomas die wirklich wichtigen Fragen, die uns allen immer mal wieder schlaflose Nächte bereiten. Das geschieht jedoch äußerst subtil und versteckt – anstatt den Lesern die Frage unter die Nasen zu reiben, entwickeln sie sich vielmehr aus der Story heraus. Es ist keine Belehrung, die hier geschieht, sondern extrem intelligente Unterhaltung. (Belehrend höchstens für einige Schriftstellerkollegen, die sich mal ruhig ein Scheibchen hiervon abschneiden dürfen!) Erwähnen möchte ich zum Abschluss noch zwei Dinge: Erstens ist „Engelszorn“ wie auch die übrigen Romane primär ein Mysterythriller. Wie oben bereits gesagt geht es um Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten; das klingt abgedreht und sehr nach Fantasy, was es auch ist, dabei hebt „Engelszorn“ aber niemals vollkommen ab, bleibt immer noch nah auf dem Boden der Tatsachen. Ich bin kein Fan von Fantasy, weshalb ich anfangs auch sehr kritisch war, aber Alex Thomas reißt mitund überzeugt! Zweitens sollte beachtet werden, dass „Engelszorn“ der dritte Teil einer Reihe ist. Zwar kann „Engelszorn“ durchaus auch ohne Kenntnis der ersten beiden Teile gelesen werden, jedoch geht dadurch der große Rahmen etwas verloren und die Mysteryaspekte, die sich direkt aus dem zweiten Teil ergeben, wirken hier dann zu exponiert, zu extrem. Unterm Strich ist „Engelszorn“ wirklich ein kongenialer Mysterythriller, der eben nicht nur erstklassige Spannung und Unterhaltung bietet, sondern sich auch nicht davor drückt existenzielle Fragen zu stellen. Basierend auf einigen wahren Fakten entwickelt Alex Thomas ein aufregendes Netz von Geschichten und vergisst dabei niemals den Grundsatz guter Bücher: Unterhaltung fängt immer im Kopf an!