Leserstimme zu
Der Araber von morgen, Band 1

Der Araber von morgen

Von: DVDFANnet
09.08.2015

Dem reinen Zufall sei Dank, dass ich auf dieses Comic aufmerksam wurde. Das Aufeinanderprallen der Westlichen auf die arabische Welt, mit all ihren Unterschieden, wird von Riad Sattouf auf eine humorvollen Art und Weise erzählt. Dabei fällt der nötige Tiefgang aber nicht hinten ab, sondern wird gleichermaßen gepflegt. Er taucht zudem in die auf Gleichgültigkeit, und Konsum ausgelegte westliche Hemisphäre, ein sowie auf die eher ärmlichen Verhältnisse und an alte Denkmuster festhaltende Welt der arabischen Staaten. Der Unterschied zwischen Sunniten, Alawiten und Shiiten wird zudem hervorragend verdeutlicht. Dabei stehen diese Gruppen sich durchaus kritisch gegenüber, aber der Hass auf Israel vereint Angehörige der unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Der Comic nimmt uns auf eine Reise von Frankreich, nach Libyen und darüber hinaus nach Syrien mit. Das Artwork zeigt einen deutlichen Kontrast zwischen den jeweiligen Stationen. Libyen ist im gelben Farbton dargestellt, Frankreich in Blau und Syrien hat den Farbton Rosarot erhalten. Im Plot wird auf diesen Unterschied eingegangen. Was uns westliche Leser erschreckt, anders kann ich es gar nicht in Worte fassen, sind die altertümlichen Denkmuster, die konträr zu unseren Werten stehen. Dafür gibt es simple Anspielungen, als zu Beispiel Kinder ihr großes Geschäft einfach auf der Straße verrichten und das anscheinend als normal angesehen wird, aber auch krasse, wie die Unterdrückung der Frau. Auch die Kampfszene, als die Frauen in einem großen Kreis sitzen und zuschauen, wie sich ihre männlichen Kinder in der Mitte, vor ihren Augen, gegenseitig verprügeln, löste in mir starkes Kopfschütteln aus. Hintergrund ist, dass der Mann der Krieger, der Beschützer der Familie ist. Im Mittelalter, als wir noch auf Pferden in eisernen Rüstungen von Dorf zu Dorf gezogen sind, hatten wir diese Denkmuster auch noch… Der Vater von Riad Sattouf hat in der westlichen Welt Politikwissenschaften studiert, müsste demzufolge ein aufgeklärter Mann sein. Doch seine Heimat und vor allem seine Kultur lässt ihn nicht los. Er findet Disputen und Mörder wie Muammar al-Gaddafi oder Saddam Hussein toll, verehrt sie förmlich. An dieser Stelle hat mich das Comic bezüglich der allgegenwärtigen Integrationsdebatte zum Nachdenken angeregt. Die Mutter wird, wie in der arabischen Welt üblich, in den Hintergrund gedrängt. Sie ist die bereitwillige Ja-Sagerin. Für sie muss der Kulturschock am größten gewesen sein, was in leichter Kritik ab und an zum Ausdruck kommt. Ihre rationale Denkweise wird ihr fast zum Verhängnis, als sie als Nachrichtensprecherin eine militärisch sehr offensive Nachricht vorlesen muss. Das Gute an „Der Araber von Morgen“ ist, dass dem Leser keine Meinung vorgegeben wird. Riad Sattouf berichtet zu einem aus seinen Erinnerungen, wie sich seine Geschichte zugetragen hat, lässt aber gleichermaßen seine Meinung mit einfließen. In der Summe erzeugt diese Methode viele Situationen, die zum Nachdenken und Grübeln einladen. Er erklärt zudem historische Zusammenhänge, die so verständlicher erscheinen. Noch ein paar Worte zu Riad Sattouf, der zu den bekanntesten Comickünstlern in Frankreich zählt. Er zeichnete unter anderem von 2004 bis 2014 jede Woche für das Magazin „Charlie Hebdo“ die Story „Das geheime Leben der Jugend“. Als es zu dem schrecklichen Attentat auf den Verlag kam, war Sattouf nicht mehr Teil des Teams. Fazit: „Der Araber von Morgen“ ist ein humorvoller Blick auf kulturelle Unterschiede, der mit sehr viel Tiefgang serviert wird. Riad Sattouf nimmt kein Blatt vor den Mund und prangert Missstände in der arabischen Welt an. Eines der besten Comics der letzten Jahre! Bewertung: ★★★★★★ Informationen Broschiert: 160 Seiten Verlag: Albrecht Knaus Verlag (16. Februar 2015) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3813506665 ISBN-13: 978-3813506662 Originaltitel: L'Arabe Du Futur. Une Jeunesse auf Moyen Orient (1978-1984)