Leserstimme zu
Alles muss versteckt sein

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Denken ist nicht tun!

Von: Kerry aus Berlin
30.08.2015

Die 38-jährige Marie Neumann hat das Schrecklichste getan, was sie sich nur vorstellen konnte. Sie hat ihren Freund, den Bestsellerautor Patrick Gerlach, im Schlaf mit einem Messer erstochen. Dafür wurde sie verurteilt und ist seitdem in der forensischen Psychiatrie. Marie weiß, dass sie es gewesen ist, hatte sie es sich doch bereits vorher immer wieder ausgemalt, wie es wäre, mit einem Messer Patrick zu ermorden, doch erinnern, erinnern kann sich Marie nicht an die Tat, nur daran, dass sie neben Patricks Leiche aufgewacht ist und das Messer, durch das er starb, noch immer in ihrer Hand war. Dabei lief es zwischen Patrick und ihr so gut, trotz ihrer Erkrankung. Früher, gefühlt in einem anderen Leben, war Marie einst verheiratet gewesen, glücklich in ihrem Job als Kita-Erzieherin und Mutter einer kleinen Tochter. Damals war ihre Welt noch in Ordnung, damals war alles gut – doch ein Unfall zerstörte ihre heile Welt für immer. Ihr kleines Mädchen starb, weil Marie, davon ist sie überzeugt, nicht gut genug auf sie aufgepasst hat. Ihre Ehe hat den Verlust des einzigen Kindes nicht verkraftet, ihr Mann hatte eine Affäre, aber eigentlich war das Marie zu dem Zeitpunkt schon egal. Marie und ihr Mann ließen sich scheiden und Marie arrangierte sich mit ihrem neuen Leben als alleinstehende, berufstätige Frau. Doch dann kamen sie, die Gedanken, die von jetzt auf gleich ihr ganzes Leben beherrschten. Im Internet fand sie heraus, dass es sich um "aggressive Zwangsgedanken" handelt, welche teils als unheilbar gelten. Irgendwie schaffte es Marie, auch mit Hilfe einer Internetbekanntschaft, sich an dieses Leben zu gewöhnen und als sie dann zufällig Patrick kennenlernte, schien alles wieder möglich zu sein. Doch nun muss sie sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sie ausgerechnet den Mann, den sie so liebte, getötet hat. Zwar versucht man in der Psychiatrie, ihr zu helfen – doch will sie sich wirklich helfen lassen? Sollte man nicht eher den Schlüssel zu ihrer Zelle wegsperren? Ihr behandelnder Arzt, Dr. Jan Falkenhagen, ist jedoch nicht bereit, so einfach aufzugeben – zusammen mit Marie will er ergründen, wie es dazu kam, dass diese einst sanfte Frau zur Mörderin wurde. Marie will sich mit dem Thema eigentlich nicht weiter auseinandersetzen, denn das würde bedeuten, wirklich zu realisieren, dass sie ein Monster ist, so wie sie es immer befürchtet hat, und solange das nicht feststeht, besteht doch noch Hoffnung, oder? Denken ist nicht tun! Der Plot wurde spannend und abwechslungsreich erarbeitet. Besonders faszinierend empfand ich die Thematik des Buches und wie die Protagonistin mit ihrer Erkrankung umgegangen ist und wie es möglich ist, dass aus Gedanken, egal wie sehr man sich bemüht, doch irgendwann Taten werden können. Die Figuren wurden facettenreich und authentisch erarbeitet. Gerade das Denken und Handeln der Protagonistin hat mich in diesem Buch sehr vereinnahmt, denn allein die Möglichkeit, dass, egal wie sehr man sich bemüht, am Ende alles vergebens ist und man daran zerbricht, empfand ich sehr gut dargestellt. Auch die inneren Zweifel, wie es, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, dazu kommen konnte, faszinierten mich bis zum Schluss. Den Schreibstil empfand ich als geradezu fesselnd zu lesen, sodass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen konnte, ich musste einfach wissen, wie es endet. Bei diesem Buch handelt es sich um das erste der Autorin, das ich gelesen habe, aber ich weiß jetzt schon: Es wird nicht das letzte gewesen sein!