Leserstimme zu
Totenfrau

Nicht meins

Von: Devona
03.09.2015

Verleitet von der gnadenlos positiven Presse, dem ständigen Betonen, dass mit „Totenfrau“ ein „völlig anderer Thriller“ am Start wäre, habe ich mich enthusiastisch dazu hinreißen lassen, sowohl „Totenfrau“ als auch den eben erschienenen Nachfolger „Totenhaus“ unbedingt hören/lesen zu wollen. „Totenfrau“ bekommt mit wahnsinnig viel goodwill und nur Dank der akkustischen Interpretation des Buches durch Christian Berkel 3 Sterne. Ich bin mir sicher, dass ich die Druckversion Buch nicht zu Ende gelesen hätte. Christian Berkel holt wirklich das Maximum dessen heraus, was möglich ist. Da ich ein großer Fan von ihm als Hörbuch-Interpret bin und seine ruhige Stimme sehr mag, war es mir möglich, „Totenfrau“ bis zum Ende anzuhören. Achtung, ab jetzt sind Spoiler im Text. Da „Totenfrau“ nicht wirklich eine ausgefeilte Handlung hat, ist ein Verstecken nicht nötig und auch schlecht möglich. „Totenfrau“ beschreibt mal mehr und mal weniger blutig den Rachefeldzug einer Frau, welcher in einem kriminellen Akt (Fahrerflucht) der Mann genommen wird. That`s it. Ja, der Thriller ist anders und nein, das macht es nicht besser. Der eigenartige und gewöhnungsbedürftige, abgehackte Stil ist zu Anfang noch leidlich interessant, weil neu – später einfach nur noch nervend, denn auch Christian Berkel kann aus den ständig sich wiederholenden „Namenssätzen“, die regulären (aber ebenfalls zumeist abgehackten) Sätzen vor- oder nachgestellt werden, nicht mehr machen, als da steht: „Blum und Mark.“ „Mark und Blum. “ „Blum.“ „Reza.“ „Blum und Reza.“ Man meint, der Autor habe für das Verwenden dieses ausgefallenen Kreativpotentials eine extra Prämie erhalten, so oft tauchen diese Sätze auf. Sicher ist das auch Geschmackssache. Die Einen finden das einen „tollen Stil“, für Andere sind es hohle Füllwörter. Muss Jeder für sich selber rausfinden. Ich finde dieses Stakkato im Twitter-Stil furchtbar. Der Anfang des Buchers ist spannend und fesselt, man hätte aus diesem Anfang wahnsinnig viel machen können. Auch die Idee, eine Bestatterin als Protagonisten zu besetzen, fand ich gut: wirklich mal was Anderes. Leider ist die Spannung nach diesem ersten Kapitel, in dem Blum bereits zur Mörderin wird und anschließend ihren Mann kennen lernt, komplett raus aus dem Buch. Es folgen ein paar Seiten heile Familien-Welt und Erinnerungen an das Liebesgeflüster der wenigen Ehejahre von Blum und Mark, bevor Mark auch schon getötet wird. Das, was dann folgt, ist dermaßen realitätsfern und an den Haaren herbei gezogen, daß man es gar nicht glauben will. Blum zieht los, um das Grüppchen Mark-Mörder zu töten, wobei sie nichts ermitteln muss. Ein anfänglicher Hinweis reicht, um ihre Rache-Maschinerie in Gang zu setzen. Sie funktioniert terminatormäßig und komplett gefühlsbefreit. Beim jeweiligen Opfer findet sie einen Hinweis auf den nächsten Bösewicht, den es zu töten gilt, den sie nicht prüfen muss, sondern ihrem „Bauchgefühl“ folgend für bare Münze nimmt. Rauf aufs Motorrad und schwupps: weg ist auch der Nächste. Und so weiter… Zwischen den Morden ist sie die liebevolle Supermami und herzschmerzgebeutelte Trostbedürftige, die trotz des gefühlszerreißenden Leidens unter ihrer jäh zerstörten einzigartigen, ewig währenden und besonderen Liebe zu Mark ganzkörperlichen Trost bei verschiedenen Männern sucht. Es werden haufenweise Klischees bemüht, da braucht man schon Durchhaltevermögen beim Hören. Niemand kommt ihr auf die Spur und wenn doch (es gibt zur Spannungssteigerung wenigstens einen kleinen Erpresser, der sie beobachtet hat ) dann wird er mit den Worten „Wenn Du jetzt nicht verschwindest, töte ich dich!“ in die Flucht geschlagen. Der flüchtet doch tatsächlich, kommt auch trotz vorhandener Fotobeweise nicht wieder und geht auch nicht zur Polizei. Diese Stelle fand ich widerum extrem erheiternd… Das Buch wird a la „10 kleine Negerlein“ gradlinig zu Ende gebracht, die am Ende eingebaute Überraschung ist auch keine, weil jeder halbwegs erfahrene Thriller-Leser spätestens nach der Hälfte des Buches weiß, wer denn nun Nummer 5 auf Blums Schlacht-Plan ist. Über die gesamte Dauer des Buches sucht der Leser krampfhaft etwas, woran er sich festhalten kann, den Punkt, an dem er mit Blum zumindest einen kleinen gemeinsamen Nenner finden kann. Für mich war da nichts außer der Botschaft „Selbstjustiz ist geil“. Die finde ich persönlich zwar vorstellbar, aber dermaßen unreflektiert vermittelt extrem fragwürdig. Auch das irrationale Handeln anderer Figuren hat mich eher abgestoßen, Reza ist hier ein gutes Beispiel. Geht Loyalität gegenüber Freunden wirklich so weit, dass man munter mitmordet? Da wird nicht mal hinterfragt, warum, wieso, weshalb. Messer in die Hand und mitsäbeln. Normalerweise gebe ich bei 3 Sternen noch eine Hör- oder Leseempfehlung. Hier weiß ich nicht so wirklich, ob ich das soll. Wer Christian Berkel mag, könnte sich an „Totenfrau“ versuchen. Ich denke, bei diesem Werk -egal ob gehört oder gelesen- wird es entweder Begeisterung oder Ablehnung geben und nicht viel dazwischen. Deswegen möchte ich auch Keinem explizit abraten. [Ich habe den starken Verdacht, dass die nun weiter führende Blum-Reihe -man munkelt schon irgendwas von Verfilmung- irgendwie arg „Dexter“-inpiriert ist. ;-)]