Leserstimme zu
Are you finished? - No, we are from Norway

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

"Are you finished? - No, we are from Norway" von Sophie Seidel

Von: Nelly
14.09.2015

MEINE MEINUNG Es gibt Jobs, in denen sieht man immer wieder Dinge, die man nicht für möglich gehalten hat. Und ein solcher Job ist unstreitig die Arbeit in der Gastronomie. Ich kann das beurteilen, denn ich mache den Wahnsinn nun schon seit einige Jahren mit. Vor Jahren reingerutscht, kommt man immer wieder in die Gastro zurück. Und während Teller wegtragen und Tische wieder eindecken sich doch recht langweilig anhört, so erlebt man mit den Gästen immer wieder kleine Episoden, in denen selbst gestandenen Bedienungen die Spucke wegbleibt. Sophie Seidel erzählt genau diese Geschichte in ihrem Buch "Are you finished?" "No, we are from Norway". Die Autorin arbeitet selbst seit Jahren als Service-Kraft, im Buch schildert sie ihren Alltag im fiktiven bayerischen Gasthof "Bräufassl". Dabei geht sie vor allem mit einer gesunden Portion Humor und Sarkasmus an die Sache heran. Und wer schon irgendwann mal in diesem Bereich gearbeitet hat, der weiß: das ist auch dringend nötig. Die Kapitel sind immer unter ein ganz bestimmtes Thema gestellt, wobei dieses doch recht weit ausgelegt wird. Im Laufe des Buches findet sich eigentlich jede Art Gast mal wieder. Da ist das alte süße Ehepaar, das seit 50 Jahren verheiratet ist. Und jedes Mal wenn die Gattin zu Toilette geht, springt der Mann auf und trinkt heimlich einen Schnaps an der Bar. Und dann gibt es den arrogaten Mitt-Zwanziger, der meint, sich in der Gruppe profilieren zu müssen, indem er am Essen rummeckert, selbst bei den einfachsten Getränken Sonderwünsche hat, die Bedienung beleidigt und keinen Cent Trinkgeld zurücklässt. Aber auch japanische Touristen, Weihnachtsfeiern und Hochzeittagsessen sind auch für eine Kellnerin immer wieder was Besonderes. Sophie Seidel plaudert aus dem Nähkästchen und sie tut das mit einer wundervoll lockeren Schreibstil. Sie schreibst so, wie sie wahrscheinlich auch mündlich erzählen würde und hält dabei auch nicht hinter dem Berg, was sie mir sehr sympathisch gemacht hat. Gleichgesinnte und Leidensgenossen werden sich beim Lesen eher früher als später irgendwo wieder finden und wer noch nie das Vergnügen hatte, im Gastro-Bereich zu arbeiten, auch diejenigen sollten dieses Buch unbedingt lesen. Denn vielleicht entsteht so auf witzige Art und Weise eine Art Verständnis, was jeder Bedienung nur zugute kommen kann. Ein klein wenig gestört hat mich nur, dass die Kapitelüberschriften und die darunter auftauchenden Geschichten nur bedingt im Zusammenhang zueinander gestanden haben. Auch hatte ich bei der einen oder anderen Episode den Gedanken "was will sie uns, also den Lesern, damit jetzt eigentlich sagen?". Abgesehen davon hatte ich mit diesem Buch eine wirklich unterhaltsame, witzige Lesezeit. FAZIT Sophie Seidel erzählt auf unterhaltsame, komische Art kleine Episode aus ihrem Alltag als Kellnerin. Doch obwohl das Buch als Sachbuch angepriesen wird, ist es für mich eher in der humoristischen Sparte zu verorten. Viele Geschichte, die dort erzählt werden, könnten so oder ganz ähnlich tagtäglich in deutschen Wirtshäusern geschehen. Und für den Leser, der in Sachen Gastronomie zu den Laien gehört, der mag vielleicht an der einen oder anderen Stelle denken, dass die Episoden überspitzt und übertrieben dargestellt werden. Profis in diesem Fach wissen: in Wirklichkeit ist es viel schlimmer.