Leserstimme zu
Verlust

Im Schmerz gefangen

Von: Claudia Marina
13.10.2015

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig Angst vor diesem Buch hatte. Nicht, weil ich fürchterliches erwartet hätte. Oder weil ich befürchtet hätte, es könnte schlecht sein. Nein. Weil Paul Hardings erstes Buch Tinkers zu meinen Lesehighlights gehört. In diese Geschichte bin ich mit jeder Faser meines Leserlebens eingetaucht, dieses Buch habe erlebt wie kaum ein anderes. Ich war sogar bei einer Lesung und jetzt steht es signiert in meinem Bücherregal. Das war 2011. 2015 erscheint nun Paul Hardings zweiter Roman und ich bin skeptisch. Werde ich hier genauso eintauchen und versinken können wie in Tinkers? Die ersten Seiten sind zugegebenermaßen ein wenig holprig. Ist das wirklich der Stil in den ich mich bei Tinkers so verliebt habe? Sind meine Erwartungen zu hoch? Was erwarte ich überhaupt von diesem Buch? Paul Harding schreibt in Verlust die Familiengeschichte der Crosbys nicht unbedingt weiter, vielmehr fügt er ihr ein völlig neues Kapitel hinzu. Im Mittelpunkt steht Charlie Crosby, Enkel von George Washington Crosby - wobei das auch eher eine Randnotiz sein sollte. Bei einem Unfall stirbt Charlies und Susans einzige Tochter Kate. Susan zieht aus und Charlie verwahrlost zusehends. Er betäubt sich mit Alkohol und Tabletten, duscht nicht und irrt umher wie ein Geist. Sein Schmerz über den Verlust seiner Tochter scheint ihn um den Verstand zu bringen und die wenigen wachen Stunden verbringt er damit, sich mit Erinnerungen an die Zeit mit Kate noch mehr Schmerzen zuzufügen. Die er dann wiederum mit Alkohol und Tabletten betäubt. Ein Teufelskreis aus dem Charlie scheinbar nicht mehr entkommen kann. Paul Harding gelingt es, Charlies Schmerz physisch präsent zu machen, er wabert im Raum umher, ständig anwesend, ständig spürbar für mich. Ich pendele zwischen Mitleid - Der Mann hat sein einziges Kind verloren, seine Frau ist weg, er ist ganz alleine - und stetig wachsender Genervtheit - Komm endlich wieder auf die Beine, dein Kind wird nicht mehr lebendig, auch wenn du dich noch so gehen lässt - hin und her. Das Unverständnis wächst, der Ekel, die Resignation im gleichen Maße. Und doch kann ich nicht wegsehen und Charlie allein lassen. Wen hat er denn sonst noch? Begleitet wird dieses Szenario von Paul Hardings wunderbaren und detaillierten Naturbeschreibungen, die in krassem Kontrast zu Charlies Verfall stehen und über weite Strecken das einzig Schöne sind, gleichzeitig aber auch immer wieder an Kate erinnern. So bleibt sie im gesamten Roman präsent, auch wenn sie tot ist. Ob und wie Charlie sich aus seinem Teufelskreis befreien kann, will ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Als Fazit kann ich nur sagen, dass mich Verlust sehr berührt hat. Es ist nicht wie Tinkers, es ist ganz anders und dennoch nicht weniger wertvoll und lesenswert. Meine Angst war völlig unbegründet.