Leserstimme zu
Die Mutter meiner Mutter

Eine unbequeme Wahrheit...

Von: Bücherphilosophin
26.10.2015

Nachdem mir Sabine Rennefanz in ihrem Debüt “Eisenkinder” von ihrem eigenen Leben erzählt hat, schreibt sie in “Die Mutter meiner Mutter” über eben diese, bzw. über die zwei Frauengenerationen vor ihr. Ausgelöst wird ihre Schreib- und Recherchewut von einer unbequemen Wahrheit über die Beziehung ihrer Großeltern mütterlicherseits, die schon seit deren Eheschließung im Raum schwebte und die Eheleute Stein über Jahrzehnte nicht zur Ruhe kommen ließ. Diese Wahrheit kommt nach langen Jahren des Schweigens nahezu zufällig ans Licht und trübt das Bild der heilen Familie, das die Töchter- und die Enkelgeneration in ihren Kindheitserinnerungen wie einen Schatz hüten. Das dunkle Geheimnis selbst, das seinen roten Faden über drei Generationen durch die Geschichte der Familie spannt, werde ich an dieser Stelle allerdings für mich behalten. Sabine Rennefanz braucht übrigens auch ewig, bis sie endlich damit heraus rückt, was ihre Mutter meinte als sie völlig verstört bei ihr anrief und sagte: “Ich habe etwas über deinen Großvater heraus gefunden…” Ein bisschen ahne ich es schon, ein bisschen befürchte ich auf der richtigen Spur zu sein, doch bin ich mir lange nicht sicher. Denn bevor das Geheimnis vom Anruf am Anfang des Buchs gelüftet und anschließend in die Chronologie der Familie eingegliedert wird, erzählt Sabine Rennefanz davon wie alles begann. Noch bevor sich die Eheleute Stein zum ersten Mal auf einer Tanzveranstaltung im Ostdeutschen Kosakenberg begegneten, wuchs die Großmutter in einem kleinen preußischen Dorf namens Sorge auf. Der Vater war Bahnhofsvorsteher und die Mutter früh verstorben. Hier wird Großmutter Anna vom Holocaust gestreift, von hier wird sie vertrieben. In Kosakenberg freut man sich nicht gerade über die Flüchtlinge aus dem heutigen Polen, Hunger und Wohnungsnot sind Teil des Alltags. Großmutter Anna findet Arbeit als Magd, doch auch Jahre nach ihrer Ankunft ist sie immer noch ein Fremdkörper im Dorfgeschehen. Das wird sich auch nie so ganz ändern, nicht nach der Ausrufung des neuen Staates, nicht nach Annas Heirat mit einem Alteingesessenen, nicht einmal nach dessen Tod. Über die Geschichte von Großmutter Anna nähert Sabine Rennefanz sich dem Schicksal der Vertriebenen an. Gezwungen ihre Heimat hinter sich zu lassen, auf der Flucht teils schwer traumatisiert, im neuen Deutschland nie richtig angekommen. So wird die späte Reise ins Dorf ihrer Kindheit zu einem fast kathartischen Erlebnis für Großmutter Anna und ihre drei Töchter in denen das Trauma der Flucht weiter lebt. Sabine Rennefanz erzählt die Geschichte der Mutter ihrer Mutter nicht streng chronologisch, springt immer wieder zurück in die Gegenwart, besonders zu diesem einen Moment, dem Moment des Anrufs ihrer Mutter, der das Verständnis der Autorin auf die eigenen Erinnerungen für immer veränderte. Das gibt dem Buch auf der einen Seite eine Spannung, die ich als Leserin sonst nur von Romanen kenne, auf der anderen Seite sorgt das ständige Hin und Her jedoch auch für Verwirrung. Dass die Autorin einmal von der Mutter ihrer Mutter spricht, dann wieder von der Großmutter und im nächsten Satz nur ihren Vornamen verwendet, ja geradezu mit Namen um sich schmeißt ohne deren Beziehung zueinander zu klären, führt dazu, dass ich immer wieder kurz inne halten muss, um mir ins Gedächtnis zu rufen, über wen hier genau gesprochen wird. Auch die Geburtenfolge der drei Töchter von Großmutter Anna ist bis fast zuletzt etwas schwammig, ist für das Verständnis des zentralen Konfliktes jedoch von großer Bedeutung. So ist mein Eindruck von Sabine Rennefanz zweitem Buch eher durchwachsener Natur. Das Buch ist eingängig und auf seine ganz eigene Art und Weise auch informativ, bzw. aufrüttelnd. Denn man kann als Leserin vom Mikrokosmos der Familie Stein auf andere Schicksale vertriebener Familien schließen. Ein Kapitel deutscher Geschichte, das ich mir vor der Lektüre von “Die Mutter meiner Mutter” nie wirklich bewusst gemacht habe. Die Autorin schafft es mir das Trauma der Betroffenen, ihr Gefühl des Fremdseins im eigenen Land verbunden mit der Trauer um die verlorene Heimat, glaubhaft zu vermitteln. “Die Mutter meiner Mutter” erhebt dabei keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, gibt lediglich den Anstoß sich eingehender mit dem Thema Vertreibung auseinander zu setzen. Nicht immer gefiel mir die sprunghafte Erzählstruktur, doch ist dies nur ein kleines Manko innerhalb einer ansonsten interessanten, wenn auch oft schwer verdaulichen Familiengeschichte.