Leserstimme zu
Junge Hunde

Die Suche nach sich selbst

Von: Dominik Leitner
09.11.2015

Zwei Freunde, die unabhängig voneinander mit ihrer Vergangenheit kämpfen. In der Hoffnung zu finden, nicht nur des Rätsels Lösung, sondern in Wahrheit auch sich selbst. Johanna ist einer dieser Menschen, die es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht haben, immer und überall für ihre Mitmenschen da zu sein. Für Julia, die alleinerziehende Nachbarin und Freundin, für ihren demenzkranken Papa, für den alten Herrn Glantz, den sie bei Spaziergängen mit ihrem Hund kennengelernt hat. Sie möchte immer für sie da sein und befürchtet doch stets, es nicht ausreichend zu tun. Ernst, ihr bester Freund, hat sich aufgemacht – nach China, auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter. Aufgewachsen mit der Liebe seiner (Adoptiv-)Eltern lässt es ihn doch nicht los. Und während Johanna ihn vermisst, wird sie selbst mit einem Geheimnis konfrontiert, dass ihr ganzes Leben mit einem Schlag ändert. Man folgt ihnen auf der Spurensuche, im Kampf gegen und mit dem Leben, mit Verpflichtungen und Ängsten, mit Hoffnungen und Befürchtungen. Reist mit Ernst durch die riesigen Städte und die Wahrzeichen Chinas und folgt Johanna auf ihrem Weg von einer Hilfestellung zur anderen. Macht es überhaupt Sinn zu suchen? Entsteht im Finden das Glück? Nachdem ich Travniceks Debütroman Chucks erst vergangenes Weihnachten gelesen und mir erst vor wenigen Tagen die Verfilmung des Buches zu Gemüte geführt habe, bin ich aktuell sozusagen im Travnicek-Fieber. Und eine Vorgeschichte hat „Junge Hunde“ auch noch: Im Juli saß ich mal, schweigend (weil schüchtern) neben ihr im Zug, als sie noch das Manuskript verbesserte. Deswegen war die Vorfreude auf das neue Buch natürlich außerordentlich groß. Der jungen Autorin ist es auch mit diesem Werk gelungen, eine berührende, tiefsinnige Geschichte zu Papier zu bringen. Johannas und Ernsts Suche wird spannend erzählt, auch wenn man nach der Hälfte des Buches schon fast erraten kann, was sich zumindest hinter Johannas Geheimnis verbirgt. Aber selbst da will man erfahren, wie sie darauf kommt, wie sie es lernt, wie sie damit umgeht. Und Johanna ist außerdem der Inbegriff von eine Art von Mensch, die wohl jeder von uns kennt: Jene, die sich fürsorglich um andere kümmern und sich dabei selbst zum Teil stark zurücknehmen. Obwohl sich ihre ganze Welt gerade verändert, sie ratlos sind und für die anderen niemals rastlos bleiben. Nach Chucks hat Cornelia Travnicek ein wunderbares zweites Werk vorgelegt: Die Geschichte der jungen Menschen, die von Neugier geplagt auf der Suche nach Gewissheit sind, ist nicht neu. Travnicek aber schafft es, mich mitzureißen: Johannas Überforderung aber der Unwille aufzugeben, Ernsts Culture Clash in seiner Heimat, in der er in Wahrheit nur geboren wurde – die Autorin vermengt die zwei Handlungsstränge federleicht und unterhaltsam, mal todtraurig, mal hoffnungsvoll träumerisch. Lasst euch von Travnicek entführen, die Reise zahlt sich definitiv aus.