Leserstimme zu
Artgerechte Haltung

Jungs sind anders ....

Von: Sandra
09.12.2015

„Du solltest mit deinem Sohn vielleicht doch mal zum Arzt gehen – normal ist dieses Verhalten bestimmt nicht.“ Ich fiel aus allen Wolken, als eine andere Mutter genau diesen Satz zu mir sagte. Natürlich fragte ich sie, was sie damit meinte und selbstverständlich hörte ich nicht auf ihren sicher gut gemeinten Rat. Aber dieser Satz saß und säte tatsächlich ein wenig Zweifel. War mein damals 3jähriger Erstgeborener wirklich „krankhaft anders“ oder einfach nur wild? Im Vergleich zum Sohn der anderen Mutter war er schon extrem, denn während das andere, gleichaltrige Kind ruhig und still in der Ecke spielte, tobte, sprang und schrie meiner wild durch den Garten. Aber ihn krankhaft zu nennen, ging mir dann doch entschieden zu weit. Rund 3 Jahre ist dieses Gespräch nun her und mein großer Sohn ist heute noch genauso wild wie damals. Regeln hasst er genauso wie Haare waschen und Grenzen sind für ihn prinzipiell dazu da, um so weit wie möglich übertreten zu werden. Er liebt es, sich zu bewegen und draußen zu sein und ist halt einfach ein wenig wilder als eben dieses andere Kind. Wie froh war ich damals, als wir bei einem seiner Kindergartenkumpel zu Besuch waren und sich eben dieser Kumpel genauso wie mein Sohn verhielt! So unsicher, wie ich damals war, so weiß ich doch heute, dass er völlig richtig so ist, wie er eben ist. Er mag anstrengend sein und laut, aber er ist deshalb weder krank, noch benötigt er ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Auch glaube (oder hoffe?) ich nicht, dass er an ADHS leidet. An der echten Erkrankung. Nicht der durch Eltern lauter Kinder selbst diagnostizierte. Birgit Gegier Steiner schreibt in ihrem noch recht neuen Erziehungsratgeber genau über dieses Thema und stellt dabei eine recht provokante These auf. Sie sagt, dass wir unsere Jungen die ganzen Jahre über in bestimmten Bereichen der Erziehung sträflich vernachlässigt haben und sie eigentlich in einem gewissen Rahmen verziehen. Das wir die Mädchen all die Jahre bevorzugt haben und es inzwischen nicht mehr so ist, dass die Mädchen herangeholt werden müssen, sondern eher, dass man sich wieder an die Eigenheiten der Jungs erinnern müsse. Das sie eben einen viel größeren Bewegungsdrang haben als Mädchen und auch ein völlig anderes Lernverhalten. Statt dies jedoch zu berücksichtigen, würden Jungs lieber zum stillsitzen und ruhig sein verdonnert. Aber welcher Jungs kann das schon? Wenn wir hier zu Hause an den oft recht umfangreichen Hausaufgaben sitzen, muss mein 6jähriger alle 15-20min. ein paar Runden durch Wohn- und Esszimmer rennen, um sich dann wieder konzentriert hinzusetzen. Für ihn ist das prima, für das andere, ruhige Kind von damals sicher keine Option. Die Ansätze und vor allem die Denkanstöße, die die Leiterin einer Grundschule aus dem Kreis Konstanz in ihrem Buch gibt, rennen bei mir durchaus offene Türen ein. Fairerweise muss ich allerdings auch sagen, dass sie in ihrem Buch alle Jungs immer wieder über einen Kamm schert. Natürlich ist es einfacher, immer von allen Jungs zu sprechen, jedoch gibt es eben auch ruhige Exemplare, die eben nicht laut oder wild sind. Eltern dieser Kinder werden mit diesem Buch sicher wenig anfangen können, denn um sie geht es schlicht und einfach nicht. Statt dessen empfehle ich dieses Buch allen Eltern, die ihre Kinder als laut, wild oder draufgängerisch bezeichnen würden. Grundsätzlich sind die Dinge, die sie sagt, nicht neu. Es geht um für Kinder nachvollziehbares Verhalten, um Strenge und Konsequenz, aber auch die Liebe und Freiheit, die Kinder benötigen. Sicher wurden viele Dinge davon auch in hunderten anderer Ratgeber geschrieben, die ich allerdings nie gelesen habe. Überhaupt habe ich bisher keinen anderen Erziehungsratgeber gelesen und hätte dieser hier nicht so einen neugierig machenden Titel und zwei Jungs auf dem Cover, die sich genauso wie meine beiden benehmen, dann diesen wohl auch nicht. Das Buch beginnt eher langatmig, zum großen Teil wiederholt sie sich gerade am Anfang auch immer wieder. Hat man den ersten, theoretischen Teil allerdings hinter sich gelassen, wird es entspannter und es folgen viele Beispiele aus ihrer jahrelangen Praxis. In sehr vielen Dingen habe ich meinen Großen wiedergefunden und eigentlich war ich beim Lesen immer wieder dabei, auch mich selbst zu überprüfen. Was könnte ich anders machen, was vielleicht besser? Wo war ich zu streng, ließ ich ihm die Freiheit, die Frau Gegier Steiner für nötig hält und die vielleicht ja wirklich genau das ist, was er braucht? Es regt zum Nachdenken an, gibt aber gerade auch unsicheren Eltern eine gewisse Sicherheit, das Jungs eben wilder und völlig anders als Mädchen sind. Sie spielen anders, sie lernen anders. Körperbezogener, lauter, aber trotzdem nicht bösartiger. Sie lieben Gruppen (um mal den Bogen zum fußballdidaktischen System zu schlagen ….) und bringen sich sehr gern ein. Warum also auch zu Hause nicht ein Team sein? Ich werde auf jeden Fall einiges umsetzen – allen voran das Haushaltsputz-Team am Wochenende. Auch übe ich mich darin, entspannter zu sein und die beiden einfach machen zu lassen, zumindest in einem gewissen kontrollierten Rahmen. Was soll schon passieren? Als Mutter einer der typischen Jungen die sie beschreibt, finde ich dieses Buch großartig. Mal von den Startschwierigkeiten abgesehen liest es sich flüssig und ist informativ, ohne den Zeigefinger zu erheben oder sich über Eltern zu stellen. Zumindest lese ich es so ;) . Auch wenn ihre Ansichten oder Erkenntnisse nicht unbedingt neu sind, so lohnt es sich meiner Meinung nach trotzdem, das Buch zu lesen. Vielleicht schenke ich es ja auch ganz provokant meiner Schwiegermutter zu Weihnachten? Die beiden erklären uns nämlich regelmäßig, wie laut und anstrengend unsere Jungs sind ….