Leserstimme zu
Der begrabene Riese

Einfach atemberaubend und mit so viel Tiefe.

Von: Sophie B.
29.02.2016

Durch Zufall bin ich in einem Literaturmagazin auf ein Interview mit dem Autor Kazuo Ishiguro gestoßen, in welchem er über sein neuesten Roman "Der begrabene Riese" erzählt hat. Allein wie Ishiguro über das Schreiben und Erzählen gesprochen hat, hat mich wahnsinnig gefesselt. Und schließlich hat sein Roman bei der Lektüre meine Erwartungen bei weitem übertroffen und ich durfte einen wahren Meister der Erzählkunst kennenlernen. Britannien im 5. Jahrhundert: Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice sind seit vielen Jahren ein Paar. In ihrem Dorf gelten sie als Außenseiter, und man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung. (Quelle: Klappentext) Ein Nebel des Vergessens hat sich über ganz Britannien gezogen. Beatrice und Axl wissen gar nicht, wo sich ihr Sohn gerade aufhält. Geschweige denn, ob dieser wirklich existiert. Und auch ihre Liebe basiert auf einem Gefühl tiefer Verbundenheit, denn gemeinsame Erinnerungen- ob schlechte oder gute- existieren nicht. Ein Roman über Erinnerungen und das Vergessen. Man frägt sich, inwiefern Erinnerungen uns als Menschen oder auch eine ganze Nation prägen. Wie wichtig sind sie? Und wann ist nützlich bestimmte Dinge zu vergessen? Wo liegt die Ausgewogenheit zwischen diesen beiden Elementen? Wirklich bewundernswert, wie Ishiguro zwei so greifbare Figuren wie Beatrice und Axl erschaffen konnte. Die Charaktere der beiden alten Leute stehen einem beim Lesen deutlich vor Augen, und das, obwohl diese Menschen von keinen Erinnerungen und damit Erfahrungen geprägt sind. Sie existieren nur im Hier und Jetzt. Das Mittelalter mir Rittern, Burgen und Klöstern. Außerdem Drachen und Menschenfresser, die das Land bedrohen. Ein sagenhafter Abkömmling des berühmten Artus. Es ist eine magische Welt, die Ishiguro in seinem neuen Roman heraufbeschwört. Man könnte es wohl der Fantasy zuordnen. Aber der Autor lässt sich einfach nicht eine bestimmte Genre- Schublade packen, nein, er wechselt mit seinen Büchern zwischen diesen. In diesem Buch dient diese märchenhafte Welt lediglich dazu, dass die Geschichte funktioniert. Es ist kein Fantasy- Werk, sondern eine Erzählung. Eine Parabel. Denn hier stellt sich die aktuelle Frage, wie Nationen brutalen vergangenen Kriegen gedenken. Wie sie mit jahrzehntelangen Feindschaften zwischen einzelnen Völkern umgehen. Wo muss die Erinnerung hochgehalten werden. Wo ist Vergessen der richtige Weg? Ishiguro lehrt es uns... wenn wir es zulassen.