Leserstimme zu
Das Leben ist keine To-do-Liste

Das Leben ist keine To-Do-Liste!

Von: Fräulein Julia
06.04.2016

Wäsche waschen, Steuerberater, Geschirr spülen, Kaffee mit der besten Freundin trinken: ob wir all das nun aufschreiben oder nicht, für viele von uns ist das Leben eine riesige To-do-Liste. Schluss damit, sagt Shirley Seul mit ihrem neuen Buch – und plädiert für mehr Punkte auf der “To-be-Liste”! Wann habt ihr das letzte Mal auf dem Sofa gelegen und einfach nur auf die Wand gestarrt? Mit einem Kaffee auf dem Balkon gesessen und die Sonnenstrahlen gespürt, die euch auf die Nase scheinen? Während einer Busfahrt aus dem Fenster geschaut und nichts gedacht? Lange her, nehme ich an. Schließlich wäre das mehr oder weniger verschwendete Zeit, die man – denn man hat nun wirklich besseres zu tun, als Löcher in die Luft zu starren! – effektiv nutzen könnte, zum Beispiel um endlich mal die Steuererklärung zu machen oder die Blumen zu gießen. Die lassen schließlich auch schon ein bisschen den Kopf hängen. Und wenn das getan ist, können wir mit einem befriedigenden Gefühl einen weiteren Punkt von der “was-ich-dringend-tun-muss”-Liste streichen. Gutes Gefühl, oder? 9783424631104_CoverKlar, dieses Gefühl kennt auch Shirley Seul, die Autorin des Buches “Das Leben ist keine To-Do-Liste”, dass den bezeichnenden Untertitel “Endlich Zeit für das, was wirklich wichtig ist – mit der To-Be-Liste” trägt. Sie fordert uns auf, dem Häkchen-Terror ein Ende zu setzen oder ihm zumindest Einhalt zu gebieten. Denn: “Die Erfahrung zeigt, dass neue Punkte auf der To-Do-Liste schneller sprießen als Pickel in der Pubertät”. Haken wir eine Sache ab, ergibt sich fast automatisch eine neue. Und wir fallen kopfüber in diesen Strudel aus hab-ich-schon-erledigt und muss-ich-dringend-machen, aus dem es kein Entrinnen gibt und der uns irgendwie zu Automaten degradiert, die wie besinnungslos dem Häkchen hinterherhecheln. Häkchen können süchtig machen, ist Seul überzeugt, also Schluss damit! Natürlich ist das alles leichter gesagt als getan und von jetzt auf gleich wird man wohl kaum seine (wenn auch vielleicht nur imaginäre) To-Do-Liste zerreißen. Im Beruf ist das auch gar nicht ratsam, doch müssen die Häkchen denn wirklich auch die Regie über unsere Freizeit übernehmen? Wer den kleinen Fieslingen etwas Macht nehmen möchte, könnte seinen Alltag mal auf den Prüfstand stellen: Welche Hobbies habe ich, denen ich eigentlich nur nachgehe, weil man eben ein Hobby hat? Oder weil ich mich – z.B. in den sozialen Netzwerken – als super kreative Person darstellen möchte, die neben ihrem Job noch Zeit für derlei Muße hat? Welche Aufgaben im Freundeskreis und in der Familie habe ich übernommen, die ich eigentlich gar nicht machen möchte? Welche Kontakte verfolge ich nur aus Pflichtgefühl? Radikale Fragen bringen oft radikale Antworten. Vielleicht lässt sich dort das ein oder andere Muss-Häkchen zugunsten einer kleinen Verschnaufpause kürzen? “Verlerne das nie: dich nach der Arbeit auszurasten und auszuträumen! Geh nicht auf im Erwerben, im Abrackern von Körper und Geist! Und wenn es nur Stunden der Muße sind, wahre dir die Stunden, da du in das Schöne, das Große hineinsiehst, das über uns allen im Lichte schwebt. Jede solche Stunde, innig genossen, wird dir Kraft geben für viele andere Stunden”, zitiert Seul den Dichter Ferdinand Avenarius. Also lieber nach Feierabend mal das Handy ausschalten, das Telefon ausstöpseln, sich einen Tee kochen und zur Erholung des Geistes auf die weiße Wand schauen! Es sind stichhaltige und nachvollziehbare Argumente, die die Autorin in ihrem Buch auf ziemlich humorvolle Art und Weise zusammengetragen hat – und ebenso entlarvend. Denn ist es nicht so, dass es uns mittlerweile über die Maßen schwerfällt, uns für ein paar Minuten (oder gar Stunden!) von allen elektronischen Geräten auszuklinken und nur mit unseren Gedanken allein zu sein? Macht das Setzen von Häkchen nicht auch wahnsinnig Spaß? Shirley Seul zwickt den Leser an besonders empfindlichen Stellen, an der Angst vor dem “man könnte ja etwas wichtiges verpassen”, dem wir in der Schnellebigkeit dieser Welt restlos ausgeliefert sind. Sie liefert handfeste Alternativen für den Häkchen-Terror – doch dreht sie sich dabei leider immer wieder um sich selbst. Und ergibt es wirklich Sinn, sich von den Häkchen der To-Do-Liste zu lösen, um dann Häkchen auf einer anderen – wenn auch inhaltlich angenehmeren – Liste zu machen? Mit der Hälfte des Buches wäre dem Thema Genüge getan – die restliche Zeit, die man zum Lesen gebraucht hätte, könnte man anders füllen. Zum Beispiel mit dem entspannten Anschauen der Raufasertapete… Geeignet für: Alle, die gerne witzig formulierte Ratgeber lesen & Alle, die nach Tipps suchen, um aus dem Hamsterrad des Lebens auszusteigen