Leserstimme zu
Nationalstraße

Nationalstrasse – Der Bericht eines tschechischen Wendeverlierers

Von: Nika
02.05.2016

„Nationalstrasse“ ist die Geschichte eines realen (Anti-)Helden. Rudiš` 192-seitige Erzählung ist geprägt von Gewalt, Alkohol und sozialen Problemen. Vadams Bericht zeugt von einem bewegten Leben: Gescheiterte Existenzen, unerfüllte Träume nach der politischen Wende, außeinander gebrochene Familien und eine gewalttätige Polizeimacht bestimmen die Handlung. In dem Roman bestärkt Vandam, der selber als Polizist durch den ersten Schlag die Revolution 1989 auslöste, seinen Sohn darin, immer an die Stärke der Faust zu glauben, denn „der Krieg ist immer und überall, auch in Zeiten des Friedens“. Es ist ein Appell gegen die Vernunft und gegen die Zurückhaltung. Hinter jeder Ecke lauert der Feind, den man niederstrecken und verprügeln muss, damit das Blut fließt, das wie „süß-salzige Marmelade“ schmeckt. Rudiš` Roman ist schnell gelesen. Die Figuren werden durch ihre simple Darstellung zu Stereotypen. Auch Hauptfigur Vandam ist ein Protagonist, den man sich, trotz mangelnder Beschreibung, bildhaft vorstellen kann. Er sei kein Nazi, sondern ein Römer im modernen Europa, behauptet er, dennoch sitzt er gedanklich in fleckigem Unterhemd mit hellgrüner Bomberjacke vor mir, eine Zigarette im Mund, die Bierdose in den tätowierten Händen und mit rasierter Glatze – das Klischeebild eines alternden rechten Schlägers, das vielleicht gerade deshalb so unangenehm real erscheint. Auch die Plattenbau-Umgebung zwischen Wald und Stadt am Rande Prags ist ein düsterer Schauplatz, den es wohl in jeder Großstadt gibt. Hier trifft man sich in der Kneipe um die Ecke, wo man den Feierabend verbringt. Fazit: Vandams Fall vom Polizisten zum alkoholabhängigen Lackierer wird auf den wenigen Seiten sehr lebendig dargestellt. Er ist ein Wendeverlierer – als einstigen Auslöser der Revolution trifft ihn der Absturz besonders hart. Rudiš skizziert in „Nationalstrasse“ ein tristes Leben am Rande der Gesellschaft. Von der großen Euphoriewelle 1989 haben die tschechischen Protagonisten nichts mehr. Sie alle waren dabei und setzten sich für die Freiheit ein, sie alle haben eine ganz persönliche Wendegeschichte zu erzählen, doch jetzt ist nichts mehr von der Umbruchsstimmung übrig. „Nationalstrasse“ ist nicht unbedingt ein Roman, der Spaß macht, er zeigt jedoch sehr anschaulich die Trostlosigkeit , die das Leben von Vandam und seiner Umgebung prägt. Ich gebe ihm 3 von 5 Sternen.