Leserstimme zu
Das Dickicht

Wild West: Das Dickicht - Joe R. Lansdale

Von: Dunkles Schaf
23.05.2016

„[E]in Nigger, ein Liliputaner, ein Junge, eine Hure und ein hässlicher Keiler […]“ (S. 131) Was wie der Beginn eines schlechten Witzes klingt, ist die Figurenkonstellation, mit der Joe R. Lansdale seinen Krimi „Das Dickicht“ ausstattet. Sofort ist mir der Begriff Road Trip durch den Kopf geschossen, auch wenn ich ihn dann erst mal wieder zurückgenommen habe, um ihn dann doch vorsichtig wieder auszupacken. Mal ehrlich, so einen Road Trip verbinde ich irgendwie mit einem Auto. Hier befinden wir uns aber gerade erst zu Beginn der Auto-Ära im ländlichen Ost-Texas und der Road Trip, der auch nicht immer über Straßen führt, wird zu Pferde vollführt. Es herrscht Western-Flair – natürlich gespickt mit vielen blauen Bohnen. „Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war’s.“ (S. 9) Als Jacks Eltern an den Pocken sterben will sein Großvater ihn und seine Schwester Lula zu einer entfernten Tante bringen. Bei der Überfahrt auf einer Fähre gerät der Großvater in einem Streit mit Cut Throat Bill und seinen Kumpanen aneinander, die soeben eine Bank überfallen haben. Eine Wasserhose besiegelt das Schicksal der Familie dann endgültig: der Großvater wird angeschossen und ertrinkt im Fluss, die Bankräuber machen sich mit Lula auf und davon und Jack wird irgendwann am Ufer angespült. Jack macht sich auf, die Entführung seiner Schwester dem nächsten Sheriff zu melden, muss aber feststellen, dass dieser blutüberkrustet und tot auf einem Wagen liegt und der Deputy das Handtuch schmeißt, weil Cut Throat Bill eben dort die Bank geplündert hat. Zufällig trifft Jack auf Eustace, einen Farbigen, der ihm bei der Suche nach seiner Schwester helfen will – natürlich nur gegen Bezahlung und auch nur wenn Shorty, sein Kumpel, auch einverstanden ist und mitkommt. Gemeinsam mit Eustaces Keiler „Keiler“ gabelt das Trio unterwegs noch Jimmie Sue, eine Prostituierte, auf und macht sich schwer bewaffnet und mit viel gutem Willen auf den Weg, um im Dickicht, einer schwer übersichtlichen Gegend, in der sich massenweise Verbrecher aller Art tummeln, Jacks Schwester Lula zu befreien. Eine irrsinnige Story, die Lansdale hier verpackt hat – aber so verdammt gut. Ich gebe zu, Joe R. Lansdale kann bei mir eigentlich schon gar nicht mehr viel falsch machen. Ich mag seinen Schreibstil ungemein gern. Jede Figur hat ihre eigene Stimme und ich hab schon nach ein paar Sätzen – und ganz ohne Beschreibung, wie derjenige aussehen soll – ein Bild der Figur vor Augen, welches ich nicht mehr loslasse. Die äußerliche Beschreibung ist oft nur das letzte I-Tüpfelchen. Ich finde, seine Figuren leben durch ihre Aussagen, ihre Art zu sprechen, ihren Dialekt, ihrem Humor. Denn das ist Lansdale auch – humorvoll, feinsinnig oder auch derbe, eben genau richtig für den entsprechenden Charakter dosiert. Und so funktioniert eben auch eine Figurenkonstellation wie hier, auch wenn diese auf den ersten Blick unglaublich scheint. Schreibstil 1A, Figurenzeichnung mit Sternchen – doch wie ist das jetzt mit dem Western? Der Road Trip in Wild West Manier ist reichlich böse und trifft bestimmt die Geschmacksnerven von Krimilesern, die auch gerne in den Randbereichen wildern und sich nicht scheuen über den Tellerrand zu schauen. Das Buch ist nicht umsonst im Heyne Hardcore Verlag erschienen, also bekommt man schon immer wieder Gewalt serviert, von gehängten Männern bis zu Schießereien. Was soll ich sagen – Wild West eben. Diesem furiosen Trip begegnen die „Gefährten“ alle mit dem ihnen eigenen Charme und durchstehen ein spannendes Abenteuer nach dem anderen, nicht ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Es ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern macht auch ungemein Spaß, der Truppe hinein in das Dickicht zu folgen. Nebenbei flicht Lansdale eine atemberaubende Atmosphäre ein, die einen umhaut. Man befindet sich praktisch direkt vor Ort. Ich weiß wirklich nicht, wie ihm das gelingt, doch es passiert so nebensächlich und doch so intensiv, dass man sich eigentlich nur wundern kann. Abenteuerroman, Western, Thriller, Krimi – ich glaube, der Verlag tut gut daran, das Buch einfach als „Roman“ zu bezeichnen und sich einen Dreck um die Einordnung zu kümmern. Wen kümmert das überhaupt? Schon gar nicht bei Lansdale, der ja dafür bekannt ist, mehrere Genres zu bedienen und hier auch fröhlich zu mischen. Für mich bleibt ein Lansdale ein Lansdale und trotzdem einzigartig. Und somit verfolge ich weiter mein Ziel: alle Lansdale Bücher, die ich finden kann, in mich aufzusaugen. Fazit: „Das Dickicht“ war – wie nicht anders zu erwarten – stimmig, unterhaltsam, spannend und unglaublich. Unglaublich gut.