Leserstimme zu
Spiel der Zeit

Hilla Palm zum Dritten: Ulla Hahns neuer Roman gewinnt sein „Spiel der Zeit“.

Von: Tanja Jeschke aus Stuttgart
02.06.2016

Die Hahn`sche Verschmelzung von Erfindung und Erfahrung, von Fiktion, Autobiographie und „Bei-gebrachtem“ – wir nehmen sie ihr erneut ab, schlüpfen in ihre Haut, als sei es die unsere: Ihre erste Nacht im katholischen Studentenwohnheim, ihre ersten Seminare an der Kölner Universität oder der Kampf mit ihrer inneren „Kapsel“, in der sie das Trauma der Vergewaltigung auf der Lichtung im Krawatter Busch einzuschließen versucht. Vom ersten eigenen Geld – ein Stipendium nach Honnefer Modell macht´s möglich – kauft sie dem Vater einen Saftmixer bei Karstadt. Die Eltern, die Oma, der Bruder – Hillas Herkunft redet dazwischen, derb und auf Kölsch. Der Dialekt durchzieht auch diesen Band wieder wie ein Jeck: Was für ein Vergnügen, den Dondorfern zuzuhören! Aber für Hilla ist es nicht ganz so lustig. Sie will da raus. Doch noch ist sie ganz eingeschnürt in die Vergangenheit, ganz Raupe, zum Karneval verkleidet sie sich als solche, mit Kissen ausgestopft bis zur Unkenntlichkeit. Und wird doch entdeckt von einem Käfer, von Hugo aus wohlhabendem Haus. Er wird Hillas große Liebe, auch er ein Geschädigter, Hugo hat einen Buckel und sein Elternhaus klirrt vor Kälte. Umso wärmer haben es die beiden miteinander. Sprachverliebt und lebenshungrig verhelfen sie sich gegenseitig zur Entpuppung. Das jungen Paar stellt die Frage nach der Verantwortung von Literatur angesichts der Wirklichkeit, nach dem Verhältnis von Geist und Realität, Theorie und Tat. Dutschke wird von einer Kugel getroffen, Hilla von Ezra Pound, und vom Attentat liest sie erst in der Zeitung. Ihre Reflexion definiert eine Enklave im Wirbel der Revolte. Literatur als Auge im Sturm? Als Inne-werdendes Bewusstsein? So wie Hilla ihre Nase in die Angelegenheiten von Spartakus, Teach-ins, RCDS und Hörsaal-Demos steckt, ohne dort eine Rolle zu spielen, so steckt die Autorin die ihre in den fortlaufenden Text und meldet sich ganz plötzlich zu Wort: „Wurde cool in den späten Sechzigern schon gebraucht wie heute? Ich habe es überprüft: ja.“ Da hält der große Text auf einmal inne und muss einer kleinen vorwitzigen Stimme stattgeben, um dann, wie nach einem Schluckauf, weiter dem Lauf der Dinge zu folgen. Es sind sprachspielerische und selbstreflexive Knüppel, die sie dem Text zwischen die Beine wirft, und womöglich übertreibt es Ulla Hahn etwas, wenn sogar Verweise auf das noch ausstehende dichterische Werk Hillas auftauchen und Ulla Hahn damit ihre eigenen Veröffentlichungen phantasiert. Alles ist möglich dem, der da schreibt, und es mag Teil des Spiels sein, das Ulla mit Hilla und der Sprache treibt, aber man hat bisweilen nicht übel Lust, der Autorin ein „Psst!“ zuzuzischen, um nicht abgelenkt zu werden von Hilla. Denn es sind ihre Geschichten, die davon erzählen, wie Geschichte entsteht, das Spiel der Zeit, und wie es geht. Und es ist wiederum ein Zeichen der ersten Güte dieses Romans, dass die Figur Hilla dies vermag: Der eigenen Autorin weit überlegen zu sein an Anziehungskraft und Unbedingtheit. Dass es noch einen weiteren Band mit Hilla geben wird, gehört nach der Lektüre denn auch zu den schönsten Nachrichten des Tages.