Leserstimme zu
Unschuld

Jonathan Franzen in Europa

Von: Lisa von 81 Stufen nach Hause
03.06.2016

Erstmals verlässt Jonathan Franzen sein gewohntes Terrain Amerika und taucht ein in die deutsche und europäische Geschichte. Dabei beginnt das Hörbuch mit einer jungen Mitte 20 jährigen Amerikanerin Pip (eigentlich Purity), die ein bisschen verloren durch ihr Leben irrt. Sie hat einen langweiligen Job und eine irre Mutter, von der sie weder weiß, wer ihr Vater ist noch wie alt sie ist. Warum ihr das alles verheimlicht wird, weiß Pip auch nicht. Eines Tages wird ihr ein Praktikum bei dem großen Whistleblower Andreas Wolf in Bolivien angeboten. Dieser verspricht ihr, dass er das Geheimnis um ihren Vater durch seine Ressourcen lüften könnte. Und so begibt sich Pip auf die Reise nach Südamerika. Gleichzeitig tauchen wir mit Andreas Wolf in die Zeit um 1988/89 ab und erfahren von seinem dunklen Geheimnis, dass er in einem schwachen Moment einem amerikanischen Journalisten erzählt hat. Natürlich sind alle drei Lebensläufe auf die eine oder andere Weise miteinader verbunden... Dieses Hörbuch ist etwas für den Profi, denn mit 26 Stunden muss man schon eine Menge Zeit mitbringen und Geduld haben. Es gibt ein Kapitel, welches allein schon 10 Stunden in Anspruch nimmt und auch ich hatte am Ende das Gefühl wirklich etwas geschafft zu haben. Es wird sehr episodenhaft und unchronologisch erzählt, was ich sehr mag. So blieb die Spannung bis zum Ende erhalten. Mit zwei ausgezeichneten Hörbuchsprechern macht das Hören wirklich Spaß, dennoch hatte das Hörbuch einige Längen. Dies mag daran liegen, dass Franzen sehr detailversessen ist und unglaublich ausführlich erzählt. Das muss man mögen. Ich hatte den Eindruck, dass er sich mit der Wendezeit und dem Untergang der DDR gut auskennt, dennoch waren einige Details nicht richtig, was mich ein bisschen gestört hat. Hinzu kam, dass über diese lange Zeit die Spannung bzgl. des Vaters aufgebaut wird und das am Ende untergeht. Ich konnte es gar nicht fassen, wie trivial das Buch endet. Ich musste noch mal den letzten Track hören und war verwirrt. »Unschuld« war meine erste Begegnung mit Jonathan Franzens Werk und es hat mich mit Abstrichen überzeugt. Aber ich glaube auch, dass mir die Vorgängen ein bisschen besser gefallen könnten, da ich nicht so sehr kritisch sein werde. Es wird bestimmt nicht mein letztes Hörbuch von ihm sein, denn spannend war es allemal, obwohl ich den Vergleich von DDR und Internet nicht so ganz nachvollziehen konnte. PS: Warum der Roman im Deutschen »Unschuld« heißt, hat sich mir auch nach dem Hören nicht erschlossen. Die Protagonistin heißt »Purity«, wie der Roman im amerikanischen Original - Reinheit. Hinzu kommt, dass alle Charaktere ständig, wirklich immer von Reinheit sprechen und nicht von Unschuld. Ich finde auch, dass es einen Unterschied zwischen Unschuld und Reinheit gibt und unschuldig ist Purity wirklich nicht.