Leserstimme zu
Der Araber von morgen, Band 2

Einschulung, Politik und Cousins - Sattoufs zweiter Teil seiner Biografie

Von: Lisa von 81 Stufen nach Hause
08.06.2016

Es gibt immer mal wieder einzelne Werke im Bereich Graphic Novel, die es schaffen von der breiten Öffentlichkeit beachtet zu werden. Dazu gehört unter anderem der Klassiker »Die vollständige Maus« von Art Spiegelmann oder auch die Werke von Mawil (bspw. »Kinderland«). Im letzten Jahr kam dann der erste Teil von Riad Sattoufs angelegter Biografie »Der Araber von morgen« hinzu, welche in diesem Jahr endlich fortgesetzt wurde. Im ersten Teil erzählte Sattouf die Geschichte, wie sich seiner Eltern kennen lernten, wie er seine eigenen ersten sechs Jahre verbrachte und wie er den ständigen Kulturwechsel erlebte - die Familie zog von Frankreich über Libyen nach Syrien. An diesem Punkt knüpft der zweite Teil direkt an. Die Familie lebt jetzt fest in Syrien und Riad ist inzwischen schulpflichtig geworden. Es müssen ein Schulranzen und eine -uniform besorgt werden und dann muss nur noch die Angst vor den Mitschülern und vor allem der Klassenlehrerin überwunden werden. Mit seinen Cousins streift er durch die Dörfer, entdeckt und erforscht. Und auch die Sprache fällt von Monat zu Monat leichter, nichtsdestotrotz wundert sich Riad immer noch über das Heimatland seines Vater. Dieser ist trotz Mangelwirtschaft, und dem Personenkult um Hafiz al-Assad immer noch vom Aufbau des Landes überzeugt und dabei unfassbar positiv, fast genauso naiv wie sein Sohn. Derweilen sitzt seine Mutter im unfertigen Haus mit der kleinen Schwester und langweilt sich. Wie im ersten Teil sind die unterschiedlichen Länder mit verschiedenen Farben unterlegt - Frankreich blau und Syrien rot. Dies spielt in diesem Teil eine untergeordnete Rolle, da die Geschichte die meiste Zeit in Syrien spielt. An einigen Stellen scheint diese Idee dennoch durch, wenn Assad beispielsweise im Fernsehen spricht, sind seine Aussagen grün unterlegt. Ich mag die Idee immer noch sehr gerne und hoffe, dass sie in den weiteren Teilen wieder häufiger verwendet wird - umziehen wird die Familie bestimmt noch einige Male. Die Bilder und die dazugehörigen Texte sind relativ klassisch angeordnet, zwischen den einzelnen Bildern sind klare Abgrenzungen und generell ist es sehr strukturiert. Der Zeichenstil und das Lettering sind aufeinander abgestimmt und passen zur kindlichen Sichtweise. Die ungewöhnliche, naive Sicht, die mich im ersten Teil noch störte, weil ich nicht glauben konnte, dass man sich an so viele Details aus seinem sehr frühen Leben erinnern konnte, fand ich jetzt ganz wunderbar. Im Mittelpunkt der Geschichte steht so der Alltag der Familie und das Heranwachsen des Protagonisten. Nur an einigen Punkten, ganz versteckt, erfährt man etwas über die politischen Situation, die Lebensumstände und den gesellschaftlichen Wandel. Mit diesem Coup gelingt es Sattouf einen neuen Blick auf die Geschichte Syrien zu werfen, in dem die Menschen und nicht die Politik im Mittelpunkt stehen. Die Geschichte ist dabei so herzlich, witzig und man kann so gut mit dem heranwachsenden Riad nachfühlen - denn erwachsen werden ist immer schwer. Sattouf zeigt uns, was es heißt in verschiedenen Kulturen zu leben, Unterschiede lustig zu finden und zu akzeptieren, dabei aber trotzdem freundlich bzw. respektvoll miteinander umzugehen. Auch diesen Teil braucht die Welt ganz dringend, um andere Kulturen zu verstehen und über den Tellerrand zu schauen. Mir hat der zweite Teil deutlich besser gefallen, weil er zum einen nicht durch die Jahre hetzt und zum anderen persönlicher und viel mehr beobachtender ist. Und wie beim ersten Teil stand auf der letzten Seite: »Fortsetzung folgt...«.