Leserstimme zu
Die linke Hand der Dunkelheit

Die linke Hand der Dunkelheit

Von: Imagoala
10.06.2016

""Darf ich Sie fragen, Sir, ob ich als an Estravens Verbrechen beteiligt gelte?" "Sie? Nein." Er starrte mich noch durchdringender an. "Ich weiss zwar nicht, was Sie eigentlich sind, Mr. Ai, ein sexuelles Monstrum, ein künstliches Ungeheuer oder ein Besucher aus den Domänen des Nichts, doch ein Verräter sind Sie nicht. Sie waren lediglich das Werkzeug eines Verräters, und Werkzeuge bestrafe ich nicht."" Le Guin schafft vieles mit dieser Geschichte. Man wird nicht nur einer neuen Welt (im wahrsten Sinne des Wortes) vorgestellt, sondern auch einer ganz neuen sozialen Struktur. Dies nicht nur glaubhaft, sondern auch überaus nachvollziehbar. Es ist eine sanfte Einführung in die Fremde und damit auch eine sanfte Reflexion unserer eigenen "Geschlechts-Vorurteile". Wir erleben die Geschichte, grösstenteils, aus der Sicht von Genly Ai (oder Genry - Karhider können das "L" nicht aussprechen), einem Menschen, welcher zwei Geschlechter kennt. Als solcher kennt er natürlich auch die Geschlechterrollen und ist es gewohnten, einen anderen Menschen direkt zu der einen oder anderen "Sorte" zuzuordnen. Anfangs versucht er also noch sehr verzweifelt, verschiedene Charakterzüge, Aussehen und Ähnliches dem einen oder anderen Geschlecht zuzuweisen, wenn er mit einem von den den Einwohnern interagiert. Im Laufe der Geschichte werden diese Einteilungen, dieser verzweifelte Versuch sich an die Dualität der Geschlechter zu klammern, immer seltener und Genly Ai (somit auch der Leser) gewöhnt sich immer mehr daran, was es bedeutet, inmitten einer androgynen Gesellschaft zu stecken. Ein Charakterzug ist nicht mehr "männlich" oder "weiblich", sondern schlichtweg das neutrale Merkmal einer Person. Dieser Wandel ist nicht nur gut gelungen, sondern auch sehr interessant. Neben der Rolle des Geschlechts (damit auch, dass Genly, für uns ein ganz ordinärer Mensch, für die Bewohner von Gethen ein Perverser, immer in der Lage den Geschlechtsakt zu vollziehen, ist) ist auch der Planet an sich überaus interessant. Also seine Politik, seine Religion und die ständige Kälte. Obwohl die Geschichte, die Welt und auch der Schreibstil für mich also sehr ansprechend waren, hat es der Geschichte leider an etwas gefehlt; dem Gefühl. Mich haben die Ereignisse weitgehend recht kalt gelassen (also, bis auf das Interesse an der Erzählung), Freundschaften habe ich zwar anerkannt, konnte ich aber nicht wirklich "mitfühlen", dramatische Ereignisse, obgleich ich sie als solche erkannt habe, haben mich nicht erschüttert. Erst ganz am Ende gab es eine Stelle, die mich tatsächlich bewegt hat (eine der letzten Szenen), ansonsten... naja, nichts. "Man bedenke: Eine Einteilung der Menschheit in stärkere und schwächere Hälfte, in Beschützer und Beschützte, in Beherrschende und Beherrschte, in Eigentümer und Eigentum, in Aktive und Passive existiert nicht. Man kann sogar feststellen, dass die Tendenz zum Dualismus, die das Denken der Menschen so beherrscht, auf Winter weit weniger stark ausgeprägt ist."