Leserstimme zu
Herzgift

Überzeugender Psychothriller

Von: Canis Librum
22.06.2016

Seit langem hab ich mich mal wieder über einen Psychothriller gewagt und wurde nicht enttäuscht. Herzgift von Paula Daly hat mich wirklich sehr überrascht und überzeugt. Handlung Natty (Natasha) und Sean Wainwright führen eine gute Ehe. Sie sind seit 16 Jahren verheiratet, haben zwei Töchter und ein gutgehendes, kleines Hotel im englischen Lake District. Sie haben ein tolles Haus, fahren tolle Autos und können ihren Kindern jeden Luxus bieten. Dafür arbeiten sie hart – vor allem Natty, ohne sie läuft weder das Hotel, noch der Haushalt. Als sie jedoch überstürzt nach Frankreich abreisen muss, weil ihre jüngere Tochter Felicity auf ihrer Klassenfahrt einen Blinddarmdurchbruch erleidet, muss sie ihren Mann, ihre 16-jährige Tochter Alice und ihre beste Freundin Eve, die gerade zu Besuch ist, alleine zu Hause zurück lassen. Bei ihrer Rückkehr zehn Tage später ist nichts mehr wie es war, Sean gesteht ihr, sich unsterblich in Eve verliebt zu haben. Er zieht mit ihr ins eigene Hotel und lässt seine Frau und seine Kinder ohne Antworten zurück. Natty ist entsetzt und schockiert und kommt mit der Situation nicht zurecht, die Menschen in ihrer Umgebung denken, dass sie verrückt wird. Und dann macht sie sich daran herauszufinden, was während ihrer Abwesenheit passiert ist und entdeckt so einige Geheimnisse. Meinung Bereits der Prolog in diesem Buch ist sehr vielversprechend. Man weiß sofort, dass man sich auf so einige Irrungen und Wirrungen gefasst machen muss. Natty und Sean Wainwright führen eine gute, aber herkömmliche Ehe mit all ihren typischen Problemen: die Frau im Haus kümmert sich eigentlich um alles und ist auf sich selbst gestellt, ihr Mann führt Arbeiten nur dann aus, wenn man ihn dezidiert darum bitte und auch dann nicht immer mit Begeisterung. Natty schmeißt den Haushalt, kümmert sich um die Erziehung der Kinder, ums Hotel und seine Mitarbeiter und wenn sie dann nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommt und ihren Mann seelenruhig zeitunglesend im Bett findet, dann ist es nicht sehr verwunderlich, dass sie auf die von ihm geforderten Zärtlichkeiten eher ablehnend reagiert. Sie bezeichnet sich selbst als schwierigen Menschen, leicht reizbar. Sean ist kein schlechter Mensch, er ist auch nicht faul, er hilft grundsätzlich wo er kann und unterstützt seine Frau, ihrer Meinung nach nur einfach nicht genug. Beide haben ihre Ausbildung geschmissen, als Natty mit 18 schwanger wurde und haben dann ihr erstes kleines Hotel eröffnet und nebenher die beiden Kinder groß gezogen. Als Felicity einen Blinddarmdurchbruch auf Klassenfahrt hat fährt Natty entgegen Seans Willen alleine nach Frankreich zu ihrer Tochter (sie steht unter Schock und er traut ihr das einfach nicht zu). Während ihres Aufenthalts bei Felicity wohnt ihre beste Freundin Eve, die gerade zu Besuch ist, in ihrem Haus und hilft Sean, solange Natty nicht da ist. Alleine im fremder Umgebung mit einem schwer kranken Kind macht sich Natty Gedanken um ihre Ehe, möchte, wenn sie zurück kommt, einiges verbessern, weil sie der Meinung ist, sich viel zu viel Gedanken um alles, außer ihrer Ehe, zu machen. Die Ehe durchlebte Höhen und Tiefen, wie jede andere auch und die beiden haben bisher immer wie Pech und Schwefel zusammen gehalten. Umso mehr steht sie unter Schock als Sean ihr nach ihrer Rückkehr aus Frankreich gesteht, sich in ihre beste Freundin verliebt zu haben. Im ersten Moment gibt Natty einfach auf, denkt sogar kurz über Selbstmord nach. Die Autorin hat die Gedanken und Gefühle der betrogenen Ehefrau toll beschrieben, ich konnte mich in Natty total hineinversetzen und habe so mit ihr mitgelitten und dann auch mit ihr mitgehasst. Denn Hass ist genau das, was Natty Eve gegenüber entwickelt. Nachdem sie Eve mit ihrem Auto rammt und diese Anzeige erstattet, habe ich mein Buch angebrüllt – ich hätte die Geliebte meines Mannes wahrscheinlich nicht so glimpflich davonkommen lassen. Aber das ist auch der Anstoss für Natty einen Weg zu finden, wie sie ihren Mann zurück bekommt und Eve aus ihrem Leben vertreiben kann. Ganz toll hat mir zum Beispiel gefallen, wie Paula Daly die Figur des Sean dargestellt hat. Wie einfach gestrickt er eigentlich ist, wie sehr er sich nach Anerkennung durch einen anderen Menschen sehnt und dadurch innerhalb kürzester Zeit auf die Anmache von Eve hereinfällt, anstatt mit seiner Frau darüber zu sprechen und sie nicht hinter ihrem Rücken zu betrügen, auch wenn er dann im Laufe der Geschichte echte Reue zeigt. Ein wenig unrealistisch fand ich den Zeitraum, in dem sich diese neue „Liebe“ zwischen Sean und Eve entwickelt, ist aber für die restliche Geschichte nicht relevant und daher wahrscheinlich eher kurz gehalten. Natty macht sich also auf die Suche, um irgendetwas über Eve herauszufinden, außer, dass sie eine wirklich eiskalte, berechnende, furchtbare Person ist. Die Boshaftigkeit dieser Person kommt in einer Szene mit der jüngeren Tochter so gut zur Geltung, dass ich beim Lesen echt Gänsehaut bekommen habe. Im Laufe der Geschichte findet man dann aber nicht nur das ein oder andere Geheimnis über Eve heraus, sondern auch andere Personen, von denen man es im ersten Moment nicht glauben kann, haben so manch düstere Vergangenheit. Das Buch ist wirklich toll geschrieben, die einzelnen Charakter wirken gut durchdacht und sehr real (inklusive der bösen Schwiegermutter). Auch die Figuren der beiden Kinder finde ich toll beschrieben, es kommt deutlich hervor, wie unterschiedlich Kinder doch sein können. Der Schreibstil ist einfach, da es sich bei den beschriebenen Personen ja im Grunde genommen um einfache Menschen handelt, aber das Buch wirkt nie langweilig. Und das Ende ist absolut überraschend. Fazit Absolut spannend, ein toller Einblick in die Psyche des Menschen. Empfehlenswert!