Leserstimme zu
Die Strömung

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Ein äußerst spannender Kriminalroman mit einem brisanten Thema!

Von: Lesen ist
23.06.2016

Nachdem ich die ersten beiden Bücher dieser Reihe gelesen und im Großen und Ganzen genossen habe, wollte ich natürlich auch den dritten Fall für Olivia Rönning & Tom Stilton lesen. Vielen Dank an das Blogger Portal für mein Exemplar des Buches. Gleich am Anfang geht die Geschichte 8 Jahre in die Vergangenheit, ins Jahr 2005. Vier Männer sitzen in einer Hotelbar und unterhalten sich gedämpft. Sie sind korrekt gekleidet in Anzügen, weißen Hemden und Krawatten, aber das extrem kurz geschorene Haar und die generelle Homogenität ließen sie für den Barkeeper aus der Norm fallen. Sie trinken Whisky. Es handelt sich um vier schwedische Nazis und sie haben nichts Gutes im Sinn. »Die nationalsozialistische Revolution in Schweden soll durch Umschulung des Volkes erreicht werden.« Das liest einer der vier vor. So fängt das Papier an, dass die Richtlinien für das Neue Reich enthält. Drei der Männer überreichen dem Vierten eine kleine Schachtel mit einem Hotel Schlüssel vom Continental, Zimmer 304. Dort wartet offensichtlich jemand auf ihn. Was genau er dort macht, erfahren wir erstmal nicht. Olivia Rönning ist zur Polizei zurückgegangen und hat sich nach Höganäs, Schonen, versetzen lassen. Sie hat einen Vertrag für sechs Monate. Eigentlich wollte sie nur deswegen dorthin, weil Ove Gardmann dort wohnt und sie in seiner Nähe sein wollte. Doch Ove hat das berühmte »Angebot, das man nicht ablehnen kann« bekommen; eine Forschungsstelle in Costa Rica. Jetzt sitzt Olivia im ländlichen Höganäs fest für die nächsten vier Monate. Und dann wird ein 3-jähriges Mädchen im Sandkasten im Garten ermordet, man hat ihr Genick gebrochen. Ihre Großmutter hat sie nur für 3 Minuten aus den Augen gelassen, um an das wiederholt klingende Telefon in der Küche zu gehen. Zwei Tage später wird in der Nähe von Stockholm ein kleines Schulkind, auf dem Weg in die Schule, auf die gleiche Art ermordet. Seit dem ersten Buch ist Olivia erwachsen geworden, das ist zumindest mein Eindruck von ihrer Entwicklung. Ich mag sie, obwohl ich manchmal nicht verstehe, warum sie wichtige Informationen zurückhält. Aber sie hat den richtigen Instinkt für diesen Job und obwohl sie noch viel zu lernen hat, weiß auch Mette Olsäter, Kriminalkommissarin in Stockholm, dass man sich auf ihr Bauchgefühl verlassen kann. Mette betrachtet Olivia inzwischen als Teil ihrer Familie. Tom Stilton war einmal ein berühmter Kommissar, bis er die Polizei verließ und komplett abgestürzt ist. Fünf Jahre lang war er einer der Obdachlosen von Stockholm, bis er den Weg zurückfand. Er hat einen sehr schwierigen Weg hinter sich gebracht und plötzlich gibt es jetzt neue Hinweise zu seinem letzten ungelösten Fall, aus seiner Zeit bei der Polizei. Nichts wäre ihm lieber als genau diesen Fall endlich zu lösen, doch er ist nun mal nicht mehr bei der Polizei. Für Tom habe ich schon im ersten Buch sehr viel Sympathie empfunden und das hat sich immer nur verstärkt. Es werden wieder Geheimnisse aus der Vergangenheit gelüftet, da dürft ihr gespannt sein! Die Charaktere wachsen und entwickeln sich von Buch zu Buch und die Charakterisierung ist ausgesprochen gut gelungen. Der Fall ist diesmal wirklich harter Tobak. Kleine Kinder werden durch Genickbruch ermordet. Diese beiden Morde sind mehr als 500 km auseinander passiert. Ist es Zufall, oder doch der gleiche Täter? Welches Motiv kann es geben, um kleine Kinder zu ermorden? Das wirklich aktuelle und brisante Thema, das hier aufgegriffen wird, ist Rassenhass und Nazis, das zieht sich von der ersten Seite an durch das gesamte Buch. Darum liegt es nah, an Rassenmord zu denken, da beide Kinder doch keine »reinrassigen« Schweden sind. Sie sind in den Augen der Nazis nur »Unkraut«. Die Ermittler sehen keinen anderen Zusammenhang zwischen den Familien. Olivia macht ihre eigenen Erfahrungen mit den gewaltbereiten Nazis und der Angst sitzt ihr ziemlich oft im Nacken. Dieses Gefühl ist beim Lesen greifbar, und an ihrer Stelle hätte ich mehr als einmal die Flucht ergriffen. Die beiden Autoren nehmen auch kein Blatt vor dem Mund und manche Aussagen sind wie ein Faustschlag in die Magengrube. Eine Figur im Buch taucht ab in den Sumpf der online Foren der Nazis und was da geschrieben wird, erschüttert einen zu tiefst. Bedingt durch das sehr ernste Thema, und die Tatsache, dass es sich um Verbrechen an kleinen Kindern handelt, ist die Atmosphäre dementsprechend bedrückend. Ich persönlich finde, dass es ein mutiges Thema ist, ein Thema das wohl gerade in jedem europäischen Land allgegenwärtig ist. Der Fall ist extrem spannend und die Lösung des Falles sorgt dann am Ende für einige Überraschungen. Nur einen recht unwahrscheinlichen Zufall fand ich nicht allzu glaubwürdig, aber dazu kann ich hier nichts sagen, ohne zu viel zu verraten. Ein äußerst spannender Kriminalroman mit einem brisanten und leider sehr aktuellen Thema! Es wird einem angst um bang, wenn man daran denkt, dass dieses Denken in Europa noch immer seine Anhänger findet. Verbrechen an kleinen Kindern erzeugen dazu noch eine sehr düstere und bedrückende Atmosphäre. Die Charaktere entwickeln sich und werden mir von Buch zu Buch sympathischer. Der Sinn hinter dem Titel erschließt sich mir allerdings nicht ganz, aber vielleicht ist die Strömung zum Rassenhass damit gemeint.