Leserstimme zu
Das Vermächtnis der Göttinnen

Frauenschicksale, Heilerinnen - spannend, historisch, ohnmächtig im Angesicht der Ungerechtigkeiten …

Von: Bücherfüllhorn
05.07.2016

Die Geschichte beginnt mit einem heftigen Auftakt: Die Mutter der Hauptprotagonistin Dora wird getötet. Der Name von Dora’s Tante Surmena war für mich anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. Sie ist eine Heilerin, und in der damaligen Zeit besaßen Heilerinnen Wissen, das für die Allgemeinheit unbekannt, und dadurch auch etwas mysteriöses und fremdes war. Aberglaube und Traditionen prägten diese Menschen. Als Erwachsene recherchiert Dora für eine Diplomarbeit viel über „die Göttinnen von Zitkova“, und kann in alten und frei gegebenen Archiven nach Unterlagen ihrer Tante suchen, die im Sommer 1955 als regimefeindliche Person (Gefährdung der Gesellschaft) eingestuft wurde. Sie wurde damals „unschädlich“ gemacht und in eine Anstalt eingewiesen; so wie man Regime-Gegner zu dieser Zeit halt „ausgeschaltet“ hat. Im Buch werden viele hinterhältige Ungerechtigkeiten und auch Unmenschlichkeiten geschildert, so dass es einem beim Lesen richtig eng ums Herz werden konnte. Tatsächlich gibt es solche Polizeiakten, Situationsberichte, Beobachtungsprotokolle und Gutachten heute in tschechischen und slowakischen Archiven zum nachforschen. Diese Geschichte schildert stellvertretend, wie hilflos die Verfolgten waren. Wie hilflos auch die Familien zusehen mussten, an die Ohnmacht, wie man mit dem Gedanken an diese Ungerechtigkeiten leben kann. Ärzte, die zum Regime gehörten und „unerwünschte Personen“ die in Anstalten eingeliefert und den Ärzten ausgeliefert wurden, und niemals mehr zurück kehrten. Schließlich werden die Nazis auf die „Göttinnen“ aufmerksam. Den SS Hexen-Sonderauftrag gab es wirklich. Das Interesse kam auf, weil die Göttinnen „germanische“ Traditionen pflegten. Fazit: Ich habe das Buch zu lesen begonnen und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Der Schreibstil und Erzählton haben mir sehr gut gefallen und ich würde gerne mehr von dieser Autorin lesen. In der Geschichte war besonders der Teil aufwühlend, als die Göttinnen verfolgt wurden und der überraschende Teil, der historischen Bezug auf Himmlers Hexenkartothek nimmt. Frauenschicksale. Außerdem zeigt die Geschichte die Ohnmacht der Bürger in einem paranoiden System. So wie ich es im Nachwort verstanden habe, existierten diese Frauen wirklich, und es gibt auch einen Zeitungsbericht „Bohyne na Zitkove“, der im Buch auf Seite 151 teilweise abgebildet ist. Dieses Buch ist genau der Grund, warum ich gerne lese. Und auch gerne mal etwas anderes lese. Die Überraschung, das Thema und die Frauenschicksale in diesem Buch, die im großen und ganzen von wahren Begebenheiten erzählen, faszinieren mich. Der Blick hinter den Horizont lohnt sich, gerade in der Literatur.