Leserstimme zu
Mythos Überforderung

Wir sind nicht machtlos!

Von: Vera Pestel aus Hückelhoven
22.08.2016

Schon mehrfach hatte ich dieses Buch in den Händen, drehte und wendete es, und fragte mich dabei, was es mir bringen könnte, es zu lesen, was es mir sagen will, mit diesem Titel: Mythos Überforderung. Wenn ich mich müde und ausgelaugt fühle, das Wochenende zusätzlich zu der Woche vollpacke und doch allem nur noch hinterherlaufe, weil ich es nicht schaffe, alles zu erledigen, weil ich hier und da sein soll, allseits gut gelaunt versteht sich, und mich dann beklage, daß ich mich erschöpft fühle, keine Zeit mehr für mich habe und schlecht schlafe, mich also überfordert fühle von meinem Leben, dann ist das ein Mythos? Will er mir mit diesem Buch sagen, ich sei zu schwach, eine Memme, die nichts mehr aushält? So habe ich es am Anfang verstanden. So ist es aber keineswegs gemeint. Nicht ganz so. Denn jeder ist seines Glückes Schmied, um einmal eine Floskel zu bemühen, in der in diesem Fall viel Wahrheit steckt. Denn wir bauen uns unsere Überforderung selbst zusammen. Wie das gekommen ist? Er erklärt es uns, er zeigt uns, in welcher Welt wir mittlerweile leben. Diese Welt hat sich rasend schnell verändert in den letzten Jahrzehnten, die Anforderungen sind gestiegen, die digitale Welt kam dazu. Ständig sind wir unzähligen Reizen ausgesetzt, geben ihnen nach. Das macht uns müde, führt zum Burn-out, vielleicht in eine Depression. Dabei ist es nicht so, daß wir viel mehr arbeiten als früher. Sukzessive sind wir von einer 48-Stunden-Woche zu einer 38,5 bis 40-Stunden Woche gekommen, diskutiert wird ein 30-Stunden Modell, Schweden möchte es gerne einführen. Werte haben sich geändert. Es zählt nicht mehr nur noch, was man kann, sondern was man vorgibt zu können. Ständig müssen Entscheidungen getroffen werden, dabei ist unsere Psyche nicht in der Lage, dies alles zu verarbeiten. Außerdem lernt sie nicht. Sie ist so, wie sie ist. Sie paßt sich dem Multitasking der heutigen Zeit nicht an. Und was tun wir gerne, wenn wir überfordert sind? Wir laufen weg und geben anderen die Schuld. Unsere Kinder wachsen mittendrin auf. Wo soll das hinführen? Was können wir dagegen tun? Das beantwortet uns Winterhoff mit diesem Buch. Zugegeben, die "Lösung" ist einfach, fast zu einfach. Er deutet es im Untertitel an. Einfach erwachsen sein. Einfach mal wieder ein Standing haben. Schaue ich mich in meinem Alltag um, merke ich, daß er recht hat. Seine Thesen finde ich überall wieder. Viele drücken sich vor Entscheidungen, möchten für nichts mehr geradestehen, Hauptsache leicht durchkommen, aber fordern. Jeder ist sich selbst der nächste. Der Narzissmus greift um sich. Selbst in der Politik traut man sich keine Entscheidungen mehr zu, schieb oft alles auf die lange Bank, anstatt zu reagieren. Oder stimmt für etwas und wundert sich am Schluß, daß es genauso kommt, siehe Brexit. Warum ist es soweit gekommen? Es werden wie üblich nur die Symptome behandelt, die Ursachen interessieren nicht. ... Wenn ihr genau wissen wollt, was er meint, dann lest sein Buch! Es regt auf alle Fälle an. Denn: "Dringender als die eigene psychische Gesundheit zu erhalten, kann nichts auf der Welt sein." Und wir sind nicht machtlos, wir können etwas dagegen tun uns überfordert zu fühlen. Wir müssen nur damit anfangen.