Leserstimme zu
"Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden."

Leben nach Auschwitz

Von: privatkino
11.11.2016

Dieses Mal spare ich mir eine Inhaltsbeschreibung, weil „Leben nach Auschwitz“ eigentlich schon hindeutet, wohin das Buch geht, aber es geht auch noch viele anderen Wege, die es schwer machen, wirklich Worte zu finden, aber ich versuch es. Im Prinzip ist das Buch ein langes Interview – Manfred Lütz stellt Fragen, die der jüdische KZ-Überlebende und Künstler Jehuda Bacon beantwortet. So viel wusste ich vor der Lektüre und habe erwartet, es ginge wirklich vordergründig um Auschwitz und ja, ich war neugierig zu erfahren, wie die Menschen, die damals dorthin deportiert wurden, gelebt haben. Wir wissen, dass es schreckliche Zustände waren, doch nur durch Augenzeugen bekommen wir ein wirkliches Bild und die Sache ist, die Augenzeugen werden immer weniger, weshalb es umso wichtiger ist, dass jetzt, wo wir noch die Chance haben, etwas festgehalten wird. Irgendwie ist es aber auch kein Buch über Auschwitz, es ist ein Buch über den Glauben. Manfred Lütz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenarzt aber auch Theologe. Mir war deswegen schon klar, dass der Glaube eine Rolle in dem Buch spielen würde. Prinzipiell habe ich damit kein Problem, es ist auch so, dass ich eher ein wenig neidisch auf die Menschen bin, die wirklich einen tiefen Glauben haben, mir mag es nicht so gelingen. Nun ja, es wird also viel über Gott geredet, was interessant ist, durchaus, allerdings für mich so extrem schwer nachvollziehbar. Wie kann man Gott noch lieben, wenn er einem Auschwitz aufgelastet hat? Ich habe Jehudas Worte gelesen, sie sind voller Überzeugung, aber mir war dieser tiefe Glaube einfach fremd. Es freut mich, dass er seinen Glauben so tief verwurzelt hat, sagt er doch auch selbst, dass es Überlebende gibt, die Gott die Schuld geben, die eben nicht diesen Halt haben, an der Vergangenheit zerbrechen. Es ist also irgendwie kein Buch über Auschwitz, sondern viel mehr ein Buch über das Leben von Jehuda Bacon – der so viel mehr ist, als ein KZ-Überlebender. Er erzählt von seiner Kunst, von seinem Glauben, aber auch davon, dass die Erinnerungen bleiben, an das Schlechte. Nur weil er seine Vergangenheit angenommen hat, ist sie nicht vergessen, es ist sein Leben, welches er sich jedoch wieder zurückgeholt hat, nachdem es ihm gestohlen wurde. Für mich war es ein interessantes Buch, allerdings gebe ich eine vorsichtige Empfehlung, sicherlich tut man sich mit den Worten leichter, wenn man ebenfalls einen tiefen Glauben besitzt. Hier hab ich mir doch ab und an schwer getan, zu verstehen, wie es ein Mensch schafft, Gott zu lieben, trotz allem.