Leserstimme zu
Ein nachgelassenes Bekenntnis

Durchschnittliche Weltliteratur

Von: Angela Maria Ruoff (Mathematiqua)
19.01.2017

Alles beginnt mit einem Bekenntnis, mit einem Eingeständnis von Schuld und dem gleichzeitigen Verdrängen und Rechtfertigen derselben. "Ein nachgelassenes Bekenntnis" ist ein literarischer Roman, in dem der Protagonist schildert, warum er seine Frau ermordet hat. Dabei beginnt er ganz von vorn, bei seiner Kindheit. So entsteht eine Art literarische Scheinbiographie, auch wenn es sich beim Protagonisten um eine fiktive Figur handelt. Die Thematik des Buchs ist hervorragend umgesetzt. Man merkt zunehmend, wie aus einem unbeschriebenen Blatt ein Mensch entsteht, der sich immer mehr von der Gesellschaft und gleichzeitig auch von sich selbst entfremdet. Seine Wahrnehmung verdreht sich, wird wirrer, die Schuld an seinen eigenen Gefühlsmissständen gibt er den Menschen um ihn herum. Wir haben es hier mit einem Protagonisten zu tun, der sowohl massive Selbstzweifel, Antriebslosigkeit und Depression, als auch einen übersteigerten Narzissmus aufweist. Die Sprache des Romans ist ganz klar "Hohe Literatur", sofern es so etwas gibt. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, der Schreibstil ist etwa Ende des 19. Jahrhunderst einzuordnen, der Autor Marcellus Emants lebte von 1848 bis 1923. Es herrscht eine kontinuierlich wachsende, unbestimmte Bedrohung, die leicht an Kafka erinnert, auch wenn sie dort in ganz andere, noch viel wahnhaftere Fantasien ausufert. Zusammenfassend ist "Ein nachgelassenes Bekenntnis" ein hervorragendes Buch für Literaturliebhaber, aber sicher auch ein Nischen-Roman und nichts für die kommerzielle Unterhaltungsbuchbranche. Manchmal wurde der Roman selbst mir zu langatmig, daher gibt es nur drei Sterne. Eine brilliante Sprache allein kann über inhaltlich mangelhafte Passagen leider nicht hinwegtäuschen. Aber die Idee ist definitiv hervorragend, in Emmants Verständnis von Alleine-unter-Menschen-Sein konnte ich mich an vielen Stellen wiedererkennen, seine Charakterarbeit ist beeindruckend. Verglichen mit kommerziellen Schmökern wären hier sicherlich vier oder sogar fünf Punkte drin, allein für das literarische Können des Autors, aber da ich Bücher im Kreise der ihnen ähnlichen bewerte, sehe ich für Weltliteratur leider nur ein durchschnittliches Buch.