Leserstimme zu
I Saw a Man

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Ein Gänsehaut-Buch, das mich noch lange beschäftigen wird

Von: Cocolinchen
28.01.2017

I saw a man ist mir wirklich unter die Haut gegangen. Ich hätte beim Lesen des Klappentextes nicht für möglich gehalten, dass dieser Roman solche Emotionen bei mir auslösen könnte. Und doch ist es passiert. Ich war so gefesselt und bin es irgendwie immer noch. Zusammen mit Michael stellt man sich wieder dem Alltag nach diesem einen Tag. Nach jenem Tag, an dem einem ein geliebter Mensch genommen worden ist. Und ich muss sagen, auch wenn der Protagonist ein Mann ist, habe ich mich hin und wieder in ihm erkennen können. Gerade in seiner Trauer. Er versucht das, was wohl oder übel nach dem Tod seiner Frau passieren muss. Er muss weitermachen, weiterleben und an jedem Tag wieder schmerzlich feststellen, in welchen Situationen ihm seine Frau fehlt. Nämlich in jeder. Alles erinnert einen an diesen Menschen und auch ein Ortswechsel kann daran nichts ändern. Die Toten ziehen mit uns um. Aber wann kann man als Hinterbliebener, was für ein grauenhaftes Wort, wieder weitermachen. Wann tut es nicht mehr weh? Wann erscheint allem nicht mehr alles lächerlich und grotesk? Irgendwann scheint Michael diesem Punkt näher zu kommen und seine neuen Nachbarn könnten der Schlüssel zu einem neuen Glück sein. Er fängt wieder an am Leben teilzunehmen. Teilweise hätte ich dieses Buch unter anderen Umständen vielleicht als langatmig empfunden, aber irgendwie weiß Owen Sheers, eine gewisse Spannung aufzubauen und am Leben zu erhalten. Man betritt mit Michael das Haus seiner Nachbarn und weiß, er wird auf irgendetwas Schlimmes stoßen und man will eigentlich sofort erfahren, was denn nun in dem Haus passiert sein könnte. Ich hätte Michael manchmal am liebsten angestoßen und ihm gesagt, "los, geh schneller!", aber Sheers spannt seine Leser auf die Folter und das ist auch gut so! Natürlich hatte ich gleich schon einen bestimmten Verdacht, aber ob sich der bestätigt hat, das will ich Euch nicht verraten! ;-) Parallel zu Michaels Erkundung des Hauses wird erzählt, was mit Caroline passiert ist, wie er seine Nachbarn immer besser kennenlernt und was ihn bewegt. Dieser Aufbau hat mir gut gefallen, auch wenn er mich manchmal wirklich Nerven gekostet hat, denn ich wollte einfach unbedingt wissen, was denn nun passiert ist. Ich habe aber durchgehalten und nicht vorgeblättert! ;-) Ihr merkt also, mich hat I saw a man vollkommen überzeugen können. Was auch ein wenig am Protagonisten selbst liegt. Michael hat eine ruhige und besonnene Art. Er ist erfolgreicher Autor und hat schon viel erlebt. Zu den schlimmsten Dingen gehört bisher der frühe Tod seiner Frau. Doch was dieser indirekt alles beeinflusst, hätte ich mir nicht träumen lassen. Michael hat eine zurückhaltende Art und ist sehr pflichtbewusst. Man könnte ihn sogar als langweilig einstufen. Sein Nachbar Josh ist das komplette Gegenteil, aber trotzdem stimmt die Chemie zwischen den beiden. Michael bekommt einen Einblick in Josh's Familie und geht nach kurzer Zeit bei seinen Nachbarn ein und aus. Alles scheint vollkommen, fürs Erste jedenfalls. Man spürt, dass Michael noch nicht richtig loslassen kann, aber dafür gibt es gute Gründe, denn eines Tages erreicht ihn ein Brief, der wieder alles aufwirbelt. Doch auch hier hat mir seine Reaktion gefallen. Michael ist eben menschlich und würde im ersten Moment manchmal am liebsten ganz anders reagieren, so wie das bei fast jedem von uns ist. Doch dann besinnt er sich und handelt überlegt. Und macht auf diese Art und Weise teilweise auch seinen Frieden mit seiner Geschichte. Genau in solchen Situationen habe ich mich in ihm wiedererkannt. Gerade Gefühle wie Wut und Trauer können einen im ersten Augenblick wahnsinnig machen. Man kann nicht klar denken und will so handeln, wie man es sonst niemals machen würde. Und genau die Dinge, die man sich in einem Moment, in dem man zum Platzen voll von Gefühlen ist, ausmalt, setzt man mit etwas Abstand zu diesen Gefühlen dann nicht um. Und das Interessanteste daran ist, dass einen das widererwartend nicht einmal berührt. Man lässt die wirren Pläne einfach fallen und allein das reicht, um einem das Gefühl von Frieden wiederzugeben. Ein Frieden mit sich selbst. Ich hätte Michael an dieser Stelle wahrscheinlich nicht so gut verstehen können, wenn ich so etwas nicht selbst erlebt hätte. Allerdings kann ich nicht alle seiner Entscheidungen nachvollziehen und hätte im entscheidenden Moment anders reagiert. Denke ich jedenfalls! Insgesamt ein Roman, der mich sehr bewegt und aufgewühlt hat. Es geht um Verlust, Trauer, Loslassen, Schuld und darum, wie sehr die Wahrheit das Leben so vieler Menschen beeinflussen kann, wenn sie verborgen bleibt. I saw a man regt zum Nachdenken an und ich bin sicher, dass sich der ein oder andere von Euch in diesem Roman auch wiedererkennen könnte. Und ich wüsste wirklich gern, was aus Michael geworden ist.