Leserstimme zu
Von unten betrachtet geht es nur nach oben

Sehr persönliche innere Reise

Von: Michael Lehmann-Pape
01.02.2017

„Warum legst Du Dein Innerstes blank, warum willst Du Deine Vergangenheit und Deine Gegenwart nicht schützten“? Das waren die, durchaus zunächst berechtigten, Anfragen von Freunden und Bekannten an Jens Sembdner, dessen persönliches Schicksal, das Tragen Müssen des Freitodes seiner Frau, sicherlich eine intime, private, schon mit sich alleine schwer genug zu tragende Tragödie darstellt. Doch die Lektüre dieses sehr offenen, sehr ehrlichen und, in vielen Teilen, sehr berührenden Buches zeigt auf, das Sembdner gut daran getan hat, sein Ergehen und die vielen Gedanken und daraus folgenden inneren Entwicklungen mit gehörigem Abstand noch einmal Revue passieren zu lassen. Weniger sicher für ihn und seine eigene Verarbeitung, viel eher für den interessierten Leser. Dass Klagen erlaubt ist, die Hände ohnmächtig sich zu Fäusten ballen, das lange nicht verstanden werden kann, was da und warum passiert ist, gerade in dieser noch tiefer als der Tod eines geliebten Menschen eh schon treffenden Art und Weise, das kann Betroffenen und einfach auch offenen Lesers tatsächlich andere, neue Perspektiven vermitteln. Nicht nur Lebensperspektiven „innerweltlich“, sondern auch und gerade was den persönlichen, religiösen Glauben angeht. Unprätentiös, in einfacher Sprache, aber sehr treffend und auf den Punkt gebracht lässt sich in dieser dargestellten inneren Entwicklung berührend nachlesen, das eben mit vielen inneren Wendungen am Ende eine „rote Linie“ entsteht, die tatsächlich „gegen den Augenschein“ bürstet. Statt Gott für tot“ zu erklären ob dessen, was ihm „unverdient“ widerfahren ist, beschreibt Sembdner einen höchst lebendigen, andersartigen Glaubensweg, der in keiner Weise kitschig daherkommt, sondern eine spürbare Tiefe erreicht. „Mein Ausflug in die Kirche hatte mich für eine ganze Weile geerdet, doch geradlinig verlief mein Weg leider nicht, die Momente der Verzweiflung kamen wieder. Die große Last ruhte weiter auf meinen Schultern“. Es ist eben so, so sehr sich Sembdner auch bemüht, ins Leben irgendwann zurückzufinden, zu arbeiten, nach 25 Jahren mit dem Fußball wieder anzufangen, „der Wald steht schwarz und schweiget“, Ticks, innere Zwänge tauchen auf, Fragen über Fragen türmen sich und bleiben noch lange im Hintergrund präsent. Was Sembdner mit Eindrücklichkeit zu erzählen versteht und dabei auch das hier und da provozierte Kopfschütteln des Lesers weder scheut noch abwehrt. Und ebenso wird es kritischen Lesern nicht leichtfallen, die langsame Gesundung ebenso wie Sembdner, dem Glauben zuzuschreiben. Aber es gilt, was in Sempbdners Leben geschehen ist und was der Leser unvoreingenommen auch an sich heranlassen könnte. „Der Glaube versetzt Berge“. Nicht nur bei schwer krebskranken Bekannten im Buch, sondern auch bei Sembdner selbst. Ein Glaube, den der Autor lebendig werden lässt, den er sehr persönlich schildert und dessen Kraft im Buch an seiner Person zum Vorschein kommt. Wobei die eigentliche Kernbotschaft des Buches darin besteht, das es überlebenswichtig ist, „einen Antrieb zu finden, auch wirklich loszumarschieren und uns nicht in der Düsternis häuslich einzurichten“. Ein offenes, lesenswertes Buch über die Verarbeitung eines schweren Schlages im Leben und eine Form modernen Glaubensbekenntnisses, das den Leser nicht unberührt lässt.