Leserstimme zu
Das Walmesser

Irgendwo zwischen Kafka und Fitzek - markerschütternd, gruselig, brillant!

Von: Angela Maria Ruoff - Mathematiqua
03.02.2017

Das eiskalte Grauen schlummert nicht hinter der nächsten Ecke, es schlummert auch nicht nachts im Wandschrank oder hinter der Haustür des Nachbars. Nein. Das eiskalte Grauen schlummert direkt in deinem Kopf. "Das Walmesser" ist laut Cover ein Färöer-Krimi, also ein Kriminalroman. Ich weiß nicht, ob ich diese Ansicht wirklich teile, denn für einen Krimi ist es fast schon zu gruselig. Erschütternde Albträume, bedrohlich geschilderte Szenarien, unheimliche Inselbewohner und deren seltsame Beziehungen untereinander schaffen hier ein Werk, das immer wieder an Kafka erinnert. Nicht sprachlich, aber was die kafkaeske Situation anbelangt. Plötzliche Verwandtschaft wird aufgedeckt, ein Mensch steht irgendwo im Nebel und auf einmal an einem völlig anderen Platz, aus Möwen werden regelrechte Killervögel. Das Walmesser ist so vollgepackt mit horrorähnlichen Szenen und Träumen, das ich überlege, ob es nicht viel mehr in die Kategorie des Horror-Roman passen würde. Dabei ähnelt es aber in keiner Weise einem billigen Splatter, sondern viel mehr hochkarätigem Psychohorror, durchzogen von feinsten Charakterzeichnungen und ausgestattet mit einem Protagonisten, dem man irgendwann selbst nicht mehr über den Weg traut. Und wie sollte man auch, wacht er doch eines morgens mit einem blutigen Messer in der Hand auf, mit der über Nacht ein anderer Bewohner getötet worden war, und erinnert sich an nichts mehr, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Dafür aber an eine dunkle Vergangenheit in Schottland, vor der er auf die einsamen Färöer-Inseln geflüchtet ist, wo er bald schon als Hauptverdächtiger festsitzt. Wahn und Geisteskrankheit, Genialität, Angst, Panik, Schockreaktion und brillante Kombinationsgabe werden hier miteinander verbunden. Die Landschaft wird so intensiv und lebhaft geschildert, dass man glaubt, sie direkt vor Augen zu haben. Dieses Buch ist ein wahres Meisterwerk, das einen eiskalt packt, sprachlich wie inhaltlich. Nur das Ende war im Vergleich zum Rest des Romans etwas unspektakulär, hier hätten man gerne auch noch etwas unheimlichere Elemente einbauen dürfen. Alles in allem jedoch ein Buch, das jeder Thriller-Liebhaber gelesen haben sollte. Doch Vorsicht, man sollte viel Zeit mitbringen, denn hat man den Page-Turner einmal geöffnet, kann man ihn nicht mehr so schnell zuklappen.