Leserstimme zu
Archiflop

Gescheiterte Projekte als Inspirationsquelle

Von: MuseumLifestyle
10.03.2017

“ArchiFlop. Gescheiterte Visionen“ versammelt „die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur“. Doch der Autor, Alessandro Biamonti, sieht in gescheiterten Architekturen gerade die Möglichkeit neue Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Das Buch hat eine ganz großartige Gestaltung, die von SOFAROBOTNIK in München stammt. Übrigens eins meiner absoluten Lieblingsbüros, wenn es um Buchdesign geht. Die verstehen ihr Handwerk! Insgesamt beinhaltet das Buch vier große Kapitel, die durch die ursprünglichen Ideen der Bauwerke unterteilt werden: Es werden viele Tausende kommen, Es wird riesige Gewinne bringen, Sie werden es nicht bemerken und Sie werden sich bestens amüsieren. In jedem Kapitel werden sechs Bauprojekte vorgestellt, die aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert sind und sich in Asien, den Amerikas, Afrika und Europa befinden. Wirklich spannend, dass es kaum Unterschiede gibt. In jeder Kultur werden Architekturen ähnlich gedacht und es wird auf gleiche Weise gescheitert quasi. Eine Weltkarte ist allen Kapiteln vorweg gestellt, damit man sich eine Vorstellung machen kann wo die Orte der Bauwerke zu finden sind. Das war auf jeden Fall sehr hilfreich. Darüber hinaus beginnt jedes Kapitel mit einer kurzen Einleitung, die erörtert was der Grundgedanke der Einteilung ist. „Es werden viele Tausende kommen“ zum Beispiel präsentiert fünf Projekte, die als Megastädte gedacht waren, aber nie oder von zu wenig Menschen bezogen worden sind und heute als urbane Wüsten zu Geisterstädten werden. Das sechste Projekt im Kapitel ist die Metrolinie Châtelet in Charleroi (Belgien), die niemals in Betrieb genommen wurde, da die ursprüngliche Bevölkerung in die Städte abgewandert ist, nachdem der Ort von der Stahlkrise in den 1980er-Jahren eingeholt wurde. Alle Projekte eint neben der Grundidee, dass die Natur sie mittlerweile zurückerobert. Besonders spannend fand ich neben der Metrolinie die chinesische Stadt Tianducheng, die eine exakte Kopie von Paris ist. Da sie jedoch nur durch eine mangelnde Infrastruktur auf sehr umständliche Weise zu erreichen ist und die Mieten gleichzeitig exorbitant hoch sind, zogen nur etwa 2000 Menschen in die Stadt. Heute ist sie vor allem ein Setting für Hochzeitsfotos. An diesen Beispielen zeigt sich auch ganz wunderbar, dass selbst in Zeiten von Wohnungsmangel in Ballungsräumen mehr getan muss als nur zu Bauen. Jedes präsentierte Bauprojekt wird kurz vorgestellt und durch wissenswerte Informationen verschiedener Art ergänzt sowie mit diversen Aufnahmen gezeigt. Wollte ich das Buch ursprünglich nur, weil es unterhaltsam klang, bin ich am Ende völlig fasziniert hängen geblieben und hab es an einem Abend durchgelesen. Alessandro Biamotti hat mich bereits in seiner Einleitung in seinen Bann gezogen und für die Idee begeistert, moderne Ruinen zu katalogisieren und daraus Visionen für unsere Zukunft zu entwickeln. Ganz leicht zugänglich sind seine Ausführungen allerdings nicht. Man merkt, dass er Professor für Design ist und ebenfalls, dass der Text aus dem Italienischen übersetzt wurde. Wenn man darüber hinwegsehen kann, hält man ein äußerst inspirierendes Buch in den Händen. Biamotti plädiert dafür jede Form des Scheiterns als Chance zu begreifen um in großen Dimensionen sogar ganze Gesellschaften neu zu denken. Jede Ruine präsentiert für ihn vor allem die Überreste eines Gedankens, der nicht weit genug oder gut genug durchdacht wurde. Für ihn sind dabei die modernen Ruinen besonders interessant, weil sie in direkter Beziehung zu unserer Kultur und aktuellen Lebensweise stehen. Sie bieten uns also völlig andere Denkanstöße als historische Ruinen, die vor allem Zeugnisse vergangener Kulturen sind. Er spart in seinen Ausführungen auch nicht an Beispielen wie dem Brutalismus der 1950er- oder dem Dekonstruktivismus der 1980er-Jahre, die für ihn auf positive Weise zeigen wie Architekturen für veränderte Denkweisen stehen und diese sichtbar in unsere gesellschaftliche Mitte tragen. Er plädiert dafür, dass wir uns jedoch insbesondere den gescheiterten Projekten zuwenden um sie in “anderen Szenarien neu zu denken”. Ein brillianter Text der einen richtig gut auf die dargestellten Projekte einstimmt, zu denen ich mir am liebsten direkt neue Lösungen ausgedacht hätte. Beispielhaft stellt Biamotti ganz am Ende des Buches noch ein Projekt vor, dass er mit seinen Studenten für das Mailänder Torre Galfa entwickelt hat, das den leer stehenden Büroturm in einen vertikalen Stadtpark verwandeln würde. Dieses Ende finde ich nicht ganz gelungen, da es weder richtig erklärt wird noch realisiert wurde. An dieser Stelle hätte ich ein realisiertes Projekt interessanter gefunden. Der Grundgedanke, dass jedes Scheitern eine große Chance darstellt, hatte ich bis dahin auch so verstanden. Auch wenn ich diese letzten vier Seiten zu dem Studentenprojekt nicht gebraucht hätte, kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich für Architektur interessiert. Bei mir zieht es auf jeden Fall fest in die Bibliothek ein.