Leserstimme zu
Ich dreh gleich durch!

Guter, wenn auch etwas klischeehafter Einstieg ins Thema

Von: Sandra
23.03.2017

„Mein Kind hat bestimmt ADHS, auf jeden Fall ist es viel anstrengender als andere Kinder. Aber genau deshalb braucht es auch einen Ausgleich!“ – Ich habe Sätze dieser Art nun schon so oft gehört, dass sie mir einfach zum Halse raushängen und ich allein deshalb schon an der Existenz von ADHS zweifelte und insgeheim eher den Müttern die Schuld in die Schuhe schob. Aber wie soll man manchen Müttern heutzutage erklären, dass ihre Idee, ihr 6jähriges Kind in einem Karateverein anzumelden, sicher nicht der richtige Weg für ein „wildes“ Kind ist? Das es das Kind vermutlich noch mehr anstrengt, wenn es zwar mit anderen, aber trotzdem irgendwie allein immer wieder konzentriert Techniken üben soll? Ich weiß nicht, ob in all den Jahren, die ich mit vielen verschiedenen Müttern telefoniert habe, tatsächlich ein Kind mit ADHS bei uns trainiert hat. Ich weiß aber, dass meine Skepsis bezüglich ADHS mit all den Jahren stetig wuchs. Und das, obwohl mein 7jähriger auch nicht gerade einfach ist. Um es mit den Worten anderer Mütter zu sagen: „Der hat bestimmt auch ADHS oder so was!“ Aber hat er das wirklich? Bisher hielt ich es nie für nötig, einen richtigen Ratgeber zu kaufen und wenn „Ich dreh gleich durch!“ nicht so eine lustige Unterhaltung versprochen hätte, dann hätte ich es wohl bis heute nicht gelesen. Allerdings war ich schon neugierig, wie viel von einem ADHSler denn nun tatsächlich in meinem kleinen Wildfang steckt. --- Es geht dabei um Max, einen fast 12jährigen Jungen, der seine Familie und auch seine Lehrer regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt. Seine Eltern sind sich in der Erziehung grundsätzlich einig, wobei die Mutter den strengen und der Vater den eher nachgebenden Part übernimmt. Die restlichen Personen („normaler“ Bruder, genervte Lehrer, unverständige Verwandte) sind schon fast ein wenig zu klischeehaft ausgewählt, jedoch braucht man auch sie, um eine möglichst normale Familiensituation zu beschreiben und den teils nervenaufreibenden Alltag eines Kindes mit ADHS vorzustellen. Erzählt werden verschiedene Begebenheiten in Tagebuchform – jeweils aus der Sicht von Max, aber auch seiner Eltern und/oder Familie bzw seinen Lehrern. Das mag zwar langatmig sein, verschafft dem Leser jedoch einen grandiosen Rundumblick. So erzählt zum Beispiel Max‘ Vater von einem Angelausflug, bei dem er erst Max‘ Krücke und etwas später ihn komplett trotz Gipsbein aus dem Wasser retten musste. Diese Version allein würde manche Eltern wohl schon in den Wahnsinn treiben, jedoch bekommt die Geschichte eine ganz andere Wendung, als Max an der Reihe ist und alles aus seiner Sicht erzählt. Das tut er in der Regel nämlich so kindlich-unschuldig, dass man ihm eigentlich gar nicht mehr böse sein kann, sondern tatsächlich ein wenig Mitleid mit dem missverstandenen Kind bekommt. Vor allem ab der zweiten Hälfte des Buches fließen zusätzlich immer wieder Zitate aus Fachbüchern in die Einträge ein, mit denen die Eltern ihr Kind vergleichen. So bekommen die bis dato reinen Erzählungen eine ganz andere Bedeutsamkeit und noch dazu einen medizinisch-wissenschaftlichen Touch. Selbst ich, als vorher absoluter ADHS-Verweigerer fühle mich geläutert und glaube inzwischen wirklich, dass es ganz sicher ADHS gibt. Der Weg dort hin war jedoch ziemlich steinig und dauerte einige Monate. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir schon beim Lesen ganz sicher war, dass mein Kind weder an ADS, noch ADHS leidet. Vielleicht war es auch nur die automatisch aufkommende, leichte Langeweile, wenn man die gleiche Geschichte schon zum dritten Mal liest. Vielleicht auch mein völlig anderes Verständnis von Humor. – Ich weiß es nicht. Egal warum, so habe ich doch für das Lesen des Buches viele Monate gebraucht und es hauptsächlich deshalb fertig gelesen, um eine umfassende Rezension schreiben und endlich ein neues Buch lesen zu können. Auf diesen Drang, das Buch freiwillig zur Hand zu nehmen, um endlich zu wissen, wie es weitergeht, wartete ich hier leider vergeblich. Kurzgefasst trifft es wohl am besten, dass ich mit den Protagonisten einfach nicht warm wurde. Da half es auch nicht, dass Frau Sanders zu Beginn daran erinnert, dass Max für sein Alter allein schon deshalb so extrem selbstreflektiert sein muss, damit das Buch und seine Geschichten auch einen Nutzen haben. Seine Sicht der Dinge fand ich auch gar nicht schlimm, sondern eher die zwischendurch weichgespülten Worte seiner Eltern. Stellt euch vor, ihr seid so richtig, richtig wütend auf euer Kind und ihr seid allein. Niemand sieht und hört euch. Ihr seid auf 180, tobt und sagt dann so etwas wie „Der kleine Racker …“ Allein diese doch wieder lieben und netten fast-Kosenamen, die Mutter und Vater ihrem Kind immer wieder trotz größter Wut geben, zerstörten bei mir beim Lesen viel an Glaubwürdigkeit. Natürlich wäre es völlig daneben, Max zu beschimpfen – weder im Tagebuch, noch „ich echt“. Jedoch passen viele Dinge für mich überhaupt nicht. Auch sind viele Eigenarten der Personen so klischeehaft gezeichnet und irgendwie alle gleich, dass es auf Dauer für mich einfach langweilig wurde. Wirklich gelacht habe ich zu allem Überfluss auch nicht ein einziges Mal. Fairerweise möchte ich aber auch erwähnen, dass es bei Amazon sehr viele positive Stimmen gibt. Sie sind begeistert von der leichten und doch verständlichen Form, in der das Thema ADHS hier nähergebracht wird. Genau das kann ich auch bestätigen und würde es genau deshalb tatsächlich auch weiterempfehlen. Man bekommt einen sehr schönen Überblick, ohne gleich schwierige Fachlektüre wälzen zu müssen und erfährt praktisch nebenbei reichlich Eckpunkte zum Thema. Auf der anderen Seite kann man sich aber auch recht sicher sein, dass das eigene Kind völlig normal ist, wenn man es eben nicht im Buch wiedererkennt. In dem Fall ergeht es euch dann vielleicht wie mir und ihr ändert nach dem Lesen des Buches eure Meinung über ADHS. Das es eben keine von überforderten Müttern ausgedachte Krankheit, sondern ein ernsthaftes und wirklich existierendes Anders-Sein ist. Und wenn ihr dann noch beim nächsten, wilden und nervigen Kind eure Reaktion überdenkt, hat die Autorin alles richtig gemacht.