Leserstimme zu
Der erste Stein

Wer ohne Sünde ist oder Leben und Sterben in Helmand

Von: Elke Heid-Paulus
10.04.2017

Im Januar 2002 beschliesst das Dänische Parlament die Beteiligung an der Operation Enduring Freedom in Afghanistan. Erster Einsatzort der Soldaten ist Kabul, später kommt eine weitere Einheit im Nordosten des Landes dazu, und ab 2006 sind dänische Streitkräfte auch in der Unruheprovinz Helmand an der Grenze zu Pakistan stationiert. Offiziell beendet wird der Einsatz der Dänen Mitte 2013. Carsten Jensen, Autor, politischer Journalist und Professor für Kulturanalyse, steht diesem militärischen Engagement des Westens von Beginn an sehr kritisch gegenüber, hat er sich doch bei zahlreichen Reisen nach Afghanistan vor Ort von dessen Sinnlosigkeit überzeugen können. In seinem mehrfach ausgezeichneten neuen Roman „Der erste Stein“ packt er seine Eindrücke sowie die Reflexionen dazu in 638 Seiten, in denen er das Leben einer 26-köpfigen Gruppe von Soldaten, 25 Männer und eine Frau, während ihres Einsatzes im Süden Afghanistans beschreibt. Jede/r hat nicht nur ihre/seine eigene Geschichte mit ins Camp gebracht, sondern auch ihre/seine Vorstellung von Krieg. Für die eine/n ist es ein „Ballerspiel“ wie es Rasmus Schrøder, der charismatische Leader, in seinem früheren Leben entwickelt hat. Für andere wiederum ist das Soldat sein ein Job wie jeder andere, und wenn die Mission erfüllt oder die Zeit abgeleistet ist, ziehen sie die Uniform aus und kehren zurück in die Heimat. Illusorisch zu glauben, sie könnten ihr altes Leben wieder aufnehmen als ob nichts geschehen wäre. Die Tage schleichen dahin, Monotonie bestimmt den Alltag, Spannung liegt in der Luft. Warten auf den Krieg, der in seiner Unbarmherzigkeit schneller zuschlägt als gedacht. Zwei Kameraden sterben, und von da an scheint es, als ob ein Schalter umgelegt worden wäre. Gewalt greift um sich, die Moral bleibt auf der Strecke, die Beziehungen untereinander verändern sich. Empathie und Nähe scheinen Fremdwörter zu sein. Das Beste und/oder das Schlechteste von jedem einzelnen kommt zum Vorschein. Niemand ist frei von Schuld und jeder nimmt Schaden an seiner Seele. Der Autor richtet den Blick weniger auf die äußeren Ereignisse als vielmehr auf die Auswirkungen, die diese auf das Verhalten des Einzelnen haben. Wobei natürlich sowohl Jensen als auch dem Leser bewusst ist, dass heutige Kriege nicht mehr Mann gegen Mann sondern durch den Einsatz von Drohnen eher in Computerspielmanier geführt werden. Mit „Der erste Stein“ ist Carsten Jensen ein beeindruckender Antikriegsroman gelungen, in dem Helden keinen Platz haben. Vergleichbar mit Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, für mich noch immer das Maß aller Dinge, was dieses Genre angeht. Nachdrückliche Leseempfehlung!