Leserstimme zu
Archiflop

Vergänglichkeit von Ideen

Von: Thomas Lawall
20.05.2017

Egal, ob es sich nun um die "Hagia Sophia" in Istanbul, die "Scheich Zayid-Moschee" in Abu Dhabi, den "Meiji-Schrein" in Tokio, die "Mezquita-Catedral von Córdoba" in Córdoba, den "Uluru" in der zentralaustralischen Wüste oder die "Niagarafälle" an der Grenze der kanadischen Provinz Ontario handelt, sind es doch mehr oder weniger immer die gleichen Sehenswürdigkeiten, die uns Touristen aus aller Herren Länder immer wieder in die Ferne ziehen. Das wird nun langsam langweilig, wenn auch die naturgegebenen Attraktionen nur schwer zu toppen sind. Was die gebotenen, von Menschen errichteten Wunder betrifft, könnte das Angebot nicht unterschiedlicher sein. Vor allem was den Zustand der jeweiligen Gebäude betrifft. Beispielsweise in Italien, Griechenland oder Peru sind die Zeugnisse architektonischer Aktivitäten teils eher in desolatem Zustand, während sich Londons "Big Ben", Versailles' "Schloss Versailles" oder Agras "Taj Mahal" in doch recht ordentlichem Zustand befinden. Inwieweit es sich bei dem einen oder anderen Bauwerk, insbesondere derjenigen in Ägypten, eventuell um Bausünden handelt, wagt sicher niemand zu unterstellen, doch was die Langeweile derjenigen betrifft, die schon alles gesehen haben, gibt es jetzt eine langersehnte Alternative. Alessandro Biamonti bietet eine ganze Reihe neuer Ausflugs- und Urlaubsziele an. Weshalb nicht einmal "die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur" besichtigen? Weshalb immer die alten Ruinen besichtigen, wenn es auch neue gibt? Was er uns vorstellt, ist spektakulär und motiviert ungemein, die immer gleichen Urlaubspläne einmal zu korrigieren und zu erweitern. Kurios ist beispielsweise der "Abraham-Lincoln-Turm" in Rio de Janeiro. 1969 wurde mit dem Bau begonnen. Stolze 110 Meter ist er hoch, hat 37 Stockwerke, insgesamt 454 Wohnungen und ist dennoch bis heute unvollendet und nicht beziehbar. 250 Käufer dürfen sich weiter in Geduld üben. Kurios ist "Gulliver's Kingdom", ein 1997 eröffneter und bereits vier Jahre später wieder geschlossener Vergnügungspark in der Nähe von Kamikuishiki, Japan, dessen Hauptattraktion eine gigantische Gulliver-Statue war. Nicht weniger kurios sind eine ganze Reihe von Gründen, die zur Aufgabe des Parks und seiner Schließung geführt haben. Auch nicht schlecht ist ein riesiges Einkaufszentrum in Englewood, Colorado, USA, welches 1968 eröffnet wurde und immerhin erst 1995 geschlossen wurde. Es erstreckte sich über eine Fläche von über 125.000 Quadratmetern und bildet heutzutage geradezu ein Pflichtziel für Touristen, die an der Besichtigung von "modernen Ruinen" interessiert sind. Alessandro Biamontis illustre Sammlung "architektonischer Fehlschläge" - auch "Archiflops" genannt - erschreckt und belustigt zugleich. Nachdenklich stimmt sie allemal und regt an, sich mit, teilweise milliardenschweren, Irrtümern, Fehlplanungen und der Vergänglichkeit von Ideen zu beschäftigen. Staunend versucht man, jene gigantischen Sackgassen zu begreifen, während am Ende die Gewissheit bleibt, dass es, selbst nach den größten und teuersten Fehlern, irgendwie immer weitergeht.