Leserstimme zu
Bevor du weitergehst

Hundert Dollar und eine Umarmung

Von: YukBook
10.06.2017

Es kann so einfach und schön sein, anderen Menschen zu helfen. Warum tun wir es dann nicht viel öfters? Diese Frage stellt man sich unweigerlich nach der Lektüre von „Bevor du weitergehst“. Die amerikanische Autorin Lauren Schroff tat einst etwas Kleines, aber Entscheidendes, bevor sie weiterging auf dem Broadway und schrieb ein Buch darüber mit dem Titel „Immer montags beste Freunde“. Es handelt davon, dass sie einen elfjährigen bettelnden Jungen zu einem Mittagessen einlud und aus dieser emphatischen Geste eine lebenslange Freundschaft entstand. Das Buch inspirierte zahlreiche Leser, der Autorin von ähnlichen Geschichten zu berichten. 30 kurze Schicksalsberichte hat Lauren Schroff in ihrem zweiten Buch zusammengetragen und in unterschiedliche Themenschwerpunkte wie Bejahung, Einzigartigkeit und Verbundenheit gegliedert. In allen Geschichten geht es um ‚unsichtbare Bänder’, die zwei fremde Menschen schicksalhaft zusammenführt. Die erste spielt in einem Supermarkt in Tucson, Arizona und war so ergreifend, dass sie mir Tränen in die Augen trieb. Manche Berichte, die sich in ihrem Schema ähnelten, empfand ich als etwas redundant. Sehr oft handeln sie von bedürftigen Kindern, die durch einen Akt der Freundlichkeit in den Genuss einer Mahlzeit, anständigen Kleidung, schönen Sommerferien oder einer vorübergehenden Bleibe kamen. Die Autorin legt ihren Fokus vor allem darauf, wie aus winzigen Momente große Wendepunkte wurden, in denen eine einfache Handlung weitreichende Veränderungen auslöste – und zwar für beide Seiten. Die Empfänger der spontanen Hilfeleistungen wurden für ihr weiteres Leben geprägt und nutzten die nächste Gelegenheit, um sich für die Wohltat zu revanchieren. Auf die Weise stößt ein Akt der Nächstenliebe oftmals einen neuen an. Diejenigen, die helfen, macht es glücklich, dass sie jemandem eine Freude bereiten können. Eine Umarmung aus tiefsten Herzen kann ihnen mehr bedeuten, als Hundert Dollar, die sie gestiftet haben. Diese Erkenntnis ist sicher nicht neu, doch die Schilderungen machen deutlich, warum die Menschen so empfinden. Jeder trägt eine tiefe Sehnsucht nach bedeutsamen, wahrhaften Bindungen zu ihren Mitmenschen. Wir verpassen nur allzu oft die Möglichkeit, solche Bindungen einzugehen, die unsere Entwicklung und unser Glück fördern. Oder nehmen die Wohltaten, die uns zuteil werden, für selbstverständlich. Das Besondere an dieser Sammlung sind nicht nur die Geschichten, die uns ermutigen, auf unser Mitgefühl zu besinnen, sondern die abschließenden Reflexionen und Kommentare der Autorin nach jeder Episode. Sie stellt heraus, was wir daraus lernen können und regt dazu an, auch einmal etwas Unkonventionelles zu tun, da man Nächstenliebe nicht aus dem Lehrbuch lernen könne. Nur dann kommt man wohl auf so eine brillante Idee wie das Pyjama-Projekt, das mich besonders begeistert hat. Lest am besten selbst!