Leserstimme zu
Einsam, na und?

Lesenswert- etwas zum Nachdenken

Von: Regina Langbein
23.06.2017

Auf der Covervorderseite lese ich: „Von der Entdeckung eines Lebensgefühls“. Auf der Rückseite: „Die Ehrenrettung eines unterschätzten Lebensgefühls“. Auf den 240 Seiten dazwischen findet sich eine Vielzahl der Facette der Einsamkeit beschrieben. Vorab: Es handelt sich nicht um ein Ratgeberbuch mit mehr oder weniger guten Ratschlägen, wie man sie loswird, die Einsamkeit. Die Frage ist viel eher, ob „meine“ Einsamkeit negativ besetzt ist, weil mit einem Mangel verbunden, oder ob ich damit positive Aspekte in Zusammenhang bringe, weil ich meine Gedanken ordne und Kreativität entwickeln kann. Ist nicht jeder mal alleine und fühlt sich mal einsam? Das heißt aber noch lange nicht, dass da ein Zusammenhang besteht. Allein und einsam bezeichnen ganz unterschiedliche Dinge: Alleinsein ist ein Zustand (ich sitze hier und schreibe alleine diese Zeilen ohne mich dabei einsam zu fühlen). Einsam wär ich hingegen, wenn mir ein Gefühl mein innerstes Befinden deutlich macht. Für den Autor, Maximilian Dorner, der durch eine Nervenkrankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist, ist Einsamkeit ein Gefühl, welches zum Leben vieler Menschen gehört. Durch das Schreiben dieses Buches hat sich in seinem Leben viel geändert. Die Frage: Wie einsam bin ich eigentlich? erschreckt und tut gleichzeitig gut. Vielleicht sollte sich jeder Mensch einmal damit auseinandersetzen, um die Angst vor „seiner“ Einsamkeit zu überwinden. In 24 Kapiteln beschreibt der Autor auf ehrliche, mitunter amüsante (und sehr anregende) Art verschiedene Variationen der Einsamkeit in unserem Alltag. Neben seinen eigenen Beobachtungen, seinen eigenen Experimenten, von der Meditationsgruppe bis zur Telefonseelsorge, der eigenen Einsamkeit und der Anderen, erwähnt er Obdachlose und Selbstmörder, Veteranen, alleinerziehende Mütter, Außenseiter, und, und, und … beschreibt er die Erscheinungsformen der Einsamkeit. In Trauer und Verzweiflung, in Wut, Angst und Scham, in Langeweile, Selbstmitleid und fehlendem Selbstbewusstsein, in Räumen, im eigenen Bett, im Krankenhaus, im Auto, aber auch bei der Arbeit, in der Freizeit, beim Essen und Kaufen, im Internet, im Sex, in der Liebe und bei „Gottnahen“. Ich habe die Lektüre auf meine Art „genossen“, da ich mich selbst schon intensiv mit dieser Thematik beschäftigt habe. Obwohl ich zur Einsamkeit in Krankenhäusern eine andere Meinung habe. Und sicher wird sich mancher Leser auch fragen: Gibt es heutzutage „diese Einsamkeit“ überhaupt noch? Kann sich doch in Windeseile jeder mit jedem im Internet vernetzen, um hemmungslos den „größten Müll“ zu verbreiten. Ich meine, dass durch die Möglichkeiten der allgegenwärtigen Vernetzung in dieser digitalen Epoche die Menschen sich nicht näher kommen, sondern die Einsamkeit größer wird. Man kann geteilter Meinung darüber sein, aber wie schon meine Oma sagte: Es hat alles seine zwei Seiten. In diesem Sinne muss ich sagen, dass mir das Buch gut gefallen hat, mir wieder Anstöße zum Nachdenken bescherte, aber jetzt ist es auch wieder gut zum Thema Einsamkeit! Am ENDE – Nachtrag: der letzte Satz gefällt mir ausgesprochen gut: „… Damit nun aber seine Mozart liebende Katze nicht den ganzen Tag alleine ist, hat er sich eine zweite angeschafft.“