Leserstimme zu
Boston

Boston

Von: Karthause
19.07.2017

Schon „Der Dschungel“ und auch „Öl“ haben mich sehr beeindruckt. Diesen Erwartungen hielt „Boston“ auch problemlos stand. Im Stil eines Reportageromans beleuchtet Sinclair das Szenario. Er kombiniert historisch verbürgte Fakten und Fiktion und hat damit ein monumentales Zeitbild geschaffen, das zudem von erschreckender Aktualität ist. Mit dem fiktiven Charakter der Cornelia Thornwell, die ihr Leben in der Upperclass Boston gelebt hatte, hat Upton Sinclair das Bindeglied zwischen Realität und Fiktion geschaffen. Nachdem Tod ihres Mann, will sie selbstbestimmt leben und nimmt eine harte Arbeit in einer Seilfabrik an. Bei der Suche nach einer Unterkunft und Verpflegung trifft sie auf den italienischen Einwanderer Vanzetti und freundet sich mit ihm an. Sehr bildhaft werden die elenden Arbeits- und Lebensbedingungen geschildert. Cornelia werden schnell die großen Diskrepanzen zu ihrem früheren Leben mehr als bewusst, so wird sie nach und nach immer zugänglicher für Vanzettis Argumente für einen gesellschaftlichen Wandel. Aber die Geschichte entwickelt sich nicht positiv. Vanzetti und sein Freund Sacco werden beschuldigt, an einem Raubmord beteiligt gewesen zu sein. Das Gerichtsverfahren ist Kern des Romans. In diesem geht es um nicht glaubwürdigen Zeugen, einen voreingenommenen Richter und einer ebensolchen Jury. Dieser Teil der Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Sacco-Vanzetti-Prozess war wohl einer der am meisten Staub aufwirbelnden Prozesse in den USA im frühen letzten Jahrhunderts. Obwohl es auch entlastende Aussagen gab, wurden die beiden italienischen Einwanderer der Beteiligung an einem doppelten Raubmord angeklagt und 1921 in einem umstrittenen Prozess schuldig gesprochen. In einer beeindruckend einfachen Sprache wird diese Geschichte auf über 1000 Seiten erzählt. Obwohl man den Ausgang kennt, kommt zu keinen Längen. Nicht weniger bemerkenswert ist die Übersetzung durch Viola Siegemund. Besonders die italienisch akzentuierten Dialoge der beiden Protagonisten wirken erstaunlich überzeugend. „Boston“ ist ein Roman, der von einem sehr zweifelhaften Prozess berichtet, der staatliche Willkür und Rechtsbeugung aufzeigt und von erschreckender Aktualität ist. Dieser Roman ist aber auch ein Dokument der aufkeimenden Arbeiterbewegung und ein Gesellschaftsroman.