Leserstimme zu
Die Farbe des Sturms

Im Auge des Hurrikans

Von: Martinas Buchwelten
25.07.2017

Obwohl Stürme auch hier bei uns in Europa immer mehr zunehmen, können wir uns das Ausmaß eines Wirbelsturmes (Gott sei Dank!) kaum vorstellen. In "Summertime. Die Farbe des Sturms" von Vanessa Lafaye wird dies auf erschreckende Weise sehr bildhaft und authentisch beschrieben. Vanessa Lafaye erzählt von einem der schlimmsten Hurrikane der USA, der die Küste in Florida heimgesucht hat und verknüpft die wahre Begebenheit mit einer fiktiven Handlung. Außerdem widmet sich die Autorin auch der Geschichte der Veteranen des WWI , die zu dieser Zeit an die Florida Keys geschickt wurden, um eine Brücke zu bauen, anstatt den Bonus zu erhalten, der ihnen nach dem Krieg versprochen wurde. Hier hat mich vorallem sehr geschockt, dass die Kriegsheimkehrer nur kurz öffentlich als Helden gefeiert wurden, um danach still und heimlich fallen gelassen zu werden. Sie bekamen weder ihr Geld, noch wurde ihnen geholfen wieder ins normale Leben zurückzukehren. Im Gegenteil: Sie wurden als Außenseiter von der Gesellschaft gemieden und als Lohn für ihren Einsatz für ihr Vaterland wie Schwerverbrecher behandelt. Was sich die amerikanische Regierung hier geleistet hat ist mehr als beschämend! Der Roman beginnt sehr ruhig und nimmt nur langsam Fahrt auf. Man lernt einen Teil der Menschen der kleinen Stadt Heron Key kennen. Nach und nach werden die Einwohner und die dazugehörigen Lebensgeschichten vorgestellt, wobei es dauert, bis man jeden Einzelnen genau zuordnen kann. Im Mittelpunkt stehen aber meiner Meinung nach Missy und Henry, zwei Farbige, die seit Jahrzehnten befreundet sind. Als Henry in den Krieg ziehen muss, wartet Missy, selbst noch ein Kind, auf ihn. Als er endlich zurückkehrt, hat Missy das heiratsfähige Alter überschritten und Henry ist kaum mehr der Mensch, der er einmal war. Die versprochenen Bonuszahlungen der Regierung werden nach dem Börsenkrach nicht ausbezahlt und eine Demonstration vor dem Weißen Haus brutal gestoppt. So wird Henry gemeinsam mit anderen Kriegsveteranen unter menschenunwürdigen Bedingungen in ein Lager gesteckt, wo er beim Brückenbau helfen soll. Es ist die Zeit der Lynchjustiz. Schwarz und weiß müssen strikt getrennt sein....selbst bei den Feiern am Strand zum Nationalfeiertag sind die Strandabschnitte extra abgesperrt. Was sich hinter den Fassaden der gutbürgerlichen Weißen abspielt, wird gut verborgen. Der Eine vergnügt sich mit den Damen des Country-Clubs, während der angesehene Deputy seine Ehefrau verprügelt. Die Heimkehrer passen so gar nicht in die "heile Welt" der Kleinstadt. Als ein Verbrechen passiert ist automatisch ein Schwarzer der Sündenbock, aber noch besser passt ein schwarzer Veterane ins Bild. Während sich die Stimmung in Heron Kay aufheizt, fällt das Barometer. Als der Hurrikan Heron Key trifft, zeigt sich schnell das Ausmaß.....nicht nur in der Natur und der Stadt, sondern auch menschliche Abgründe tun sich auf und zeigen wozu Menschen fähig sind, wenn sie ihr eigenes Leben retten wollen. Andere wiederum wachsen über sich selbst hinaus... Das Südtstaatendrama wird über einen Zeitraum von zwei Monaten erzählt und zeigt auf deutliche Weise, wie die Rassendiskriminierung auch noch im 20. Jahrhundert stattfindet. Man braucht auch nur aktuelle Zeitungsartikel anzusehen, dann weiß man, dass sich auch im 21. Jahrhundert nicht wirklich viel geändert hat, auch wenn die USA bereits einen farbigen Präsidenten aufweisen kann. Schreibstil: Der Debutroman von Vanessa Lafaye ist sehr atmosphärisch und dicht. Die wahren Begebenheiten wurden mit einer fiktiven Geschichte verwebt und die besondere Stimmung hat die Autorin wunderbar aufgefangen. Der Schreibstil ist ausdrucksstark und bildhaft. Die Alltagsstimmung und das Leben in Heron Key wird sehr bildhaft erzählt. Ich konnte die Hitze und die aufgeheizte Stimmung spüren. Trotzdem kommt erst im letzten Drittel so richtig Spannung auf, wenn der Hurrikan die Florida Keys trifft. Fazit: Ein Roman, der definitv nachklingt. Erinnert von der Thematik her ein bisschen an "Gute Geister", kommt aber nicht an diesem Roman heran. Trotzdem eine sehr atmosphärische Geschichte, die wieder einen kleinen Teil der amerikanischen Politik und die Rassendiskriminerung widerspiegelt. Die fiktive Handlung gemischt mit den wahren Begebenheiten rund um den Jahrhundertsturm hat die Autorin geschickt zu einem interessanten und ausdrucksstarken Roman zusammengefügt.