Leserstimme zu
Die Unerwünschten

Dimitri Verhulst - Die Unerwünschten

Von: C. Widmann
09.08.2017

Heimkinder. Man weiß, dass es sie irgendwo gibt, dass es manche in eine Pflegefamilie schaffen aber die meisten nicht. Dass sie oft abrutschen: in die Drogen, ins Verbrechen, in den Selbstmord. Man weiß davon, so wie man von Elendsvierteln in afrikanischen Großstädten weiß: weit weg, in sicherer Entfernung. Und dann kommt dieses Buch und reißt ein Loch in meine Welt, lässt mich frieren im warmen Wohnzimmer. Ich schlage es zu und schaue hinüber zu meiner Tochter, die gerade auf dem Arm ihres Großvaters eingeschlafen ist. Drei Monate alt, so wie das Baby in der zweiten Geschichte. Aber in "Die Ankunft am bleichen Morgen" hat das Mädchen einen großen Bruder, und die Eltern sind im Heim aufgewachsen. Eines Tages beschließen sie, ihre Kinder umzubringen. Sie reden darüber, wie man eine Wand anschaut und sagt, dass man die Wohnung neu streichen sollte. Dimitri Verhulst, selbst ein ehemaliges Heimkind, schreibt brutal. Er schlägt mir seine Heimkinder-Realität ins Gesicht, Wort-Gewalt. Und niemand darf mehr behaupten, die unerwünschten Kinder wären gut aufgehoben in der "familienähnlichen Wohngruppe". Da können Heimleiter und Erzieher die besten Absichten haben, aber es bleibt eine lieblose Welt, die lieblose Menschen macht. Ich hebe meine Tochter aus dem Arm ihres Großvaters, der ebenfalls eingeschlafen ist, trage sie zu ihrem Bett und decke sie zu. Ihren ganzen Mittagsschlaf lang schaue ich immer wieder hinüber oder gehe zu ihr und fühle, ob sie es warm genug hat. "Die Unerwünschten" wird mich lange verfolgen.