Leserstimme zu
Draußen wartet die Welt

Ganz viele erste Male....

Von: Literaturchaos
07.09.2017

Kein Auto. Kein Handy. Kein Internet. Kino, Disco und Shopping bis die Plastikkarte glüht? Fehlanzeige. Noch nicht mal Strom und fließendes warmes Wasser. Könnte ich mir gut vorstellen - beim Camping für ein bis zwei Wochen in der tiefsten Pampa. Aber für immer? Nein. Definitiv nicht. Die 16jährige Eliza kennt es nicht anders. Sie ist ohne diese ganzen Annehmlichkeiten aufgewachsen und vermisst somit auch nichts. Eliza ist kein Charakter aus einem historischen Roman sondern aus einem zeitgenössischen. Trotzdem lebt sie mit ihrer Familie wie vor Hunderten von Jahren denn sie gehört zur Gemeinde der Amischen. Die Amischen sind eine kleine Minderheit, die in mehreren Staaten der USA leben und ein gottesfürchtiges, arbeits- und entbehrungsreiches Leben führen. Landwirtschaft, Familie und Kirche sind die drei Hauptsäulen, auf denen dieses Leben beruht. Es besteht ein großer Zusammenhalt zwischen den Amischen, jeder hilft jedem. Traditionell bekommen die Jugendlichen, nachdem sie 16 geworden sind, die Möglichkeit, auch mal das Leben, wie wir es leben, kennenzulernen. In der sogenannten "Rumspringa" (manche amischen Wörter sind dem pfälzischen Dialekt sehr ähnlich) werden die Zügel etwas lockerer gelassen und das ein oder andere Auge wird auch mal zugedrückt. Nach dieser Zeit des Austobens muss sich der/die Jugendliche/r dann allerdings entscheiden: für die Amischen, was eine baldige Taufe nach sich zieht oder dagegen, was in den meisten Fällen gleichbedeutend mit einer Verbannung ist. Eliza kann ihre Familie dazu überreden, ihre Rumspringa als Kindermädchen in der Nähe von Chicago zu verbringen. Und hierauf besteht nun das Hauptaugenmerk des Romans: wurden zuvor kurz und knapp die Sitten, Gebräuche und Traditionen der Amischen beschrieben, die dem ganzen Buch eine solide Basis geben, begleiten wir nun eine staunende, überwältigte und zugegebenermaßen auch überforderte Eliza. Spätestens hier ist man total verzaubert von diesem Roman und möchte immer mehr über Elizas "erstes Mal" lesen. Das erste Mal Fernsehen. Das erste Mal ins Kino. Das erste Mal Musik hören. Das erste Mal ins Internet. Die erste Cola und die erste Jeans. Elizas Staunen und Freude über diese ganzen Dinge, für die sie in ihrem Tagebuch sogar eine "Erstes Mal-Liste" anlegt (die noch ziemlich lang werden soll), macht dem Leser ebenso großen Spaß. Eliza ist so ein liebenswerter Charakter - man muss sie einfach gern haben. Natürlich lernt sie in dieser für sie neuen Welt auch einen Jungen kennen und verliebt sich. Leider driftet der Roman hier zeitweise in Richtung High School-Schmonzette ab, fängt sich dann aber wieder. Die große Frage, für welches Leben sich Eliza entscheiden wird, wird erst ganz zum Schluss beantwortet. Dieser Roman ist informativ, spannend, zu Herzen gehend, lustig, traurig - einfach unglaublich vielschichtig. Und obwohl es sich um einen Jugendroman handelt, kann ich auch für Erwachsene eine absolute Leseempfehlung aussprechen.