Leserstimme zu
Die Flügel meines schweren Herzens

Spannender Gedichtband, geschrieben aus weiblicher Perspektive, der für überraschende Einsichten aus dem Orient sorgt

Von: Samira
06.10.2017

Seit einigen Jahren ist die arabische Welt ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt und darauf reagiert auch der deutsche Buchmarkt. Mittlerweile gibt es verschiedene Werke, die versuchen einen Einblick in diese uns fremde, mitunter verschlossene Kultur zu geben. Dieser Gedichtband reiht sich in die Reihe ein und beschert dem Leser einige überraschende Einsichten über diese Regionen und den Menschen, die dort leben und lebten. Zunächst zur Aufmachung, die einen ganz verzaubert: Der Band ist sehr edel gestaltet, Einband seidig glänzend und ebenso wie das Lesebändchen von nachtblauer Farbe, umgeben von einem wunderschönen Schutzumschlag, auf der Front ist ein in blau-grün gehaltenes Mosaikmuster und zusammen mit dem goldenen Untergrund, auf dem der Titel in zarten Lettern steht, stimmt es den Leser auf eine verzauberte, orientalische Atmosphäre ein. Zwischen den Buchdeckeln des doch schmalen Bandes findet man die Gedichttexte von sechsundfünfzig arabischen Dichterinnen, die aus der vorislamischen Zeit bis heute zusammengetragen worden sind. Das Besondere an dieser Neuauflage: Die Texte sind zweisprachig, je arabisch und deutsch. Die meisten Texte kreisen um das Thema Liebe, die die Verfasserinnen in all ihren Nuancen erlebt und erlitten haben. Das Erstaunliche: Die Offenheit, mit der die wortbewussten Frauen, darunter Beduinen, Sklavinnen und Ehefrauen über so manches Liebesabenteuer sprechen. Dabei ist die Bandbreite der Gefühle groß: Mal verzehren sie sich nach einem Wiedersehen mit dem Geliebten und warten sehnsüchtig und schmerzerfüllt auf seine Rückkehr. Heftiges Begehren, erotische Fantasien und Erinnerungen an den Geliebten werden dem Leser hemmungslos anvertraut. Ein anderes Mal sind sie voller Verachtung, jagen den unentschlossenen Geliebten zum Teufel, spotten über die Mannesschwäche ihrer Ehemänner und erniedrigen Verehrer. Diese direkte Art mag den heutigen Leser irritieren, jedoch war der offene Umgang mit den Themen Liebe und Sexualität in vorislamischer Zeit gar nicht ungewöhnlich. Zwischendurch findet man im Band vereinzelt Zeilen, in denen es neben der weltlichen auch um die göttliche Liebe geht. Abgesehen davon gibt es Texte, die politisch motiviert sind, in denen verfeindete Stämme verflucht werden und in denen die eigenen Leute zum Kampf gegen diese aufgerufen werden. Andere wieder handeln von Krieg, Tod, Flucht und dem Leben im Exil, was ihnen Aktualität verleiht. Ich habe großen Gefallen an den starken, mutigen Frauen gehabt, die so ungewohnt unverblümt ihre Geschichten erzählen. Die Texte sind verständlich, manche gar simple, nur wenig Reim entdeckt man darin. Anfangs hielt ich das für einen weiteren progressiven Schritt der Verfasserinnen, die sich nicht an den strengen Regelkanon der klassischen arabischen Lyrik halten. Jedoch hat sich das nur als redaktioneller Eingriff erwiesen, wie im Nachwort erklärt wurde. Das habe ich schade gefunden, mir fehlte im Nachhinein doch die Musikalität in den Versen, der besondere Rhythmus. Nichtsdestotrotz ist es ein ganz spannender Gedichtband, der überrascht und das arabische Frauenbild, das wir im Westen haben ein wenig zurechtrückt.