Leserstimme zu
Das Nebelhaus

Ein sehr spannender Krimi mit ein paar Abstrichen.

Von: Annette Traks aus Cómpeta / Málaga
11.02.2015

Nach Ende ihrer Studienzeit hatten sich die einstigen Freunde und Aktivisten Philipp, Timo, Leonie und Yasmin aus den Augen verloren. Nun, 15 Jahre später, wohnt Architekt Philipp mit seiner kleinen Familie auf Hiddensee, während die anderen 3 in Berlin geblieben sind: Timo hofft endlich auf den Durchbruch als Schriftsteller, Leonie hat bis vor kurzem als Erzieherin gearbeitet und Yasmin fühlt sich bei ihren Freunden auf der Straße am wohlsten. Dank Timo haben sie sich über Facebook wiedergefunden und folgen nun Philipps Einladung zu einem Wochenendbesuch in seinem Haus auf der Ostsee-Insel. Doch von der einstigen Verbundenheit der ehemaligen Freunde ist nichts mehr zu spüren, Harmonie will sich nicht einstellen. Im Gegenteil: Gemeinsamkeiten sind kaum noch vorhanden, die Stimmung verschlechtert sich zusehends. Die Situation spitzt sich immer mehr zu und eskaliert schließlich in einer tödlichen Katastrophe: 3 Menschen werden erschossen und Leonie, die Tatverdächtige, liegt seither im Koma. Aus Anlass des 2. Jahrestages der „Bluttat von Hiddensee“ will die Journalistin Doro Kagel eine Reportage darüber schreiben, in der sie Angehörige sowie Überlebende zu Wort kommen lässt. Ihre Recherchen führen sie u.a. direkt an den Ort des damaligen Geschehens – nach Hiddensee zu Philipps „Nebelhaus“, das so getauft wurde, weil es in einer Senke liegt und oft von Nebelschwaden eingehüllt wird. Je mehr sie sich mit den Ereignissen an jenem Unglücks-Wochenende und den beteiligten Personen befasst, um so ungeheuerlicher wird ihr Verdacht. Resümee: Zu Beginn des Buches erfährt der Leser lediglich den tragischen Ausgang des Besuchs der einstigen Berliner Freunde bei Philipp: 3 Personen wurden erschossen, die schwer verletzte Leonie liegt seitdem im Koma und kann nicht vernommen werden. Trotz fehlender eindeutiger Beweise gilt sie als Täterin. Doch wer sind die Toten? Welches war der Auslöser für das Massaker, wie der Tathergang? Welche Rolle spielten die kambodschanische Haushälterin und ihre Familie? Das alles bleibt bis zum dramatischen Showdown am Ende des Buches im Dunkeln. Doro Kagel – und mit ihr der Leser – gewinnt immer mehr Einblicke in die Ereignisse jenes Wochenendes und in die grundverschiedenen Lebensläufe aller an ihnen Beteiligten. Es entsteht das Bild eines unheilvollen Beziehungsgeflechts, in das auch Philipps Ehefrau und Tochter sowie seine Haushälterin samt Familie eingebunden sind. Kapitelweise alternierend werden die Vorgänge auf Hiddensee, die vor 2 Jahren zur „Blutnacht“ führten, und - in der Ich-Form - die aktuelle Recherche-Handlung der Journalistin erzählt. Dabei entsteht immer wieder ein neuer Verdacht, wer seinerzeit ein nachvollziehbares Motiv gehabt haben könnte, Amok zu laufen. Aber kaum glaubt der Leser, der Wahrheit auf die Spur gekommen zu sein, tritt im vergangenen oder gegenwärtigen Geschehen eine Wendung ein, die die Theorie über den Haufen wirft und einer anderen Platz macht. So wird von Anfang an eine (Hoch-) Spannung erzeugt, die bis zum Schluss erhalten bleibt. Leider kam für mich die endgültige Auflösung und mit ihr die Präsentation des Täters jedoch zu abrupt, wirkte in meinen Augen zu konstruiert. Neben dem Aufrechterhalten einer kontinuierlichen Spannung hat mich auch das exzellente Sprachniveau gefreut. Dazu gehört auch, dass sich die Dramatik der Handlung analog zur Naturgewalt des sich anbahnenden Unwetters entwickelt, bis beides schließlich in einer wahnsinnigen Zerstörung mündet. Unklar blieb für mich, warum unmittelbar nach der Bluttat nicht die Polizei Doro Kagels Recherche-Arbeit gemacht hat. Warum wurde Leonie ohne weitere Ermittlungen als Täterin abgestempelt, obwohl keine eindeutigen Beweise dafür vorlagen? Warum nahm man offenbar keine Schmauchspuren von den Händen der Anwesenden? Warum legte die Polizei die Recherchen ad acta, solange Leonie nicht vernehmungsfähig war? - Eigentlich dilettantische Arbeit. Und als Leser hat man die Alternative, dies entweder als künstlerische Freiheit des Autors als Basis für die Krimi-Handlung zu akzeptieren und sich an ihr zu erfreuen - oder sich darüber zu ärgern und den Krimi wegen dieser fragwürdigen Grundvoraussetzung als hanebüchen abzutun. Ich habe mich für Ersteres entschieden. Daher mein Fazit: Ein spannender Krimi, der mich erschauern ließ – sollte man wirklich nach so langer Zeit eine Gruppe ehemaliger Freunde zum Wochenendbesuch in sein Haus einladen? Nach der Lektüre des Buches kann die Antwort nur lauten: Lieber nicht … Viele Leser meinen, dass dieser 1. Krimi des Autors viel spannender sei als sein Folgewerk „Das Küstengrab“. Das kann ich nicht bestätigen, für mich stehen sie in puncto Dramatik auf einer Stufe.