Leserstimme zu
Charlotte Salomon

"Charlotte Salomon – "Es ist mein ganzes Leben": ein kluges, bewundernswertes Buch

Von: Gerhard Fischer aus Sydney, NSW, Australia
27.11.2017

Margret Greiner hat ein kluges, bewundernswertes Buch geschrieben. Sie erzählt die schier unglaubliche Geschichte der Charlotte Salomon mit großer Gelassenheit und Empathie, ohne dass die Spannung der Story, die ja auch eine Abenteuer- und Kriminalgeschichte ist, verloren geht. Am meisten beeindruckt freilich das Porträt einer großen Künstlerin, deren Lebengeschichte und Werk noch viel zu wenig bekannt sind. Man meint Geschichten dieser Art zu kennen, und doch ist dies eine ganz andere, einzigartige Geschichte: die Biographie einer außerordentlich begabten deutsch-jüdischen Künstlerin, deren letzte Station Auschwitz heißt; die private Tragödie einer Familie, die über Generationen hinweg von einem scheinbar schicksalshaften Unglück heimgesucht wird; und die Geschichte eines Kunstwerks, “wie es Vergleichbares bis dahin nicht gab – und bis heute nicht gibt. Im Berlin der 20er Jahre heiratet Dr. Albert Salomon, ein bekannter Chirurg und Professor, nach dem frühen Tod seiner Frau ein zweites Mal. Paula Lindberg, eine bekannte Sängerin, wird zur Stiefmutter der Tochter Charlotte, geboren 1917, ein sensibles, eigensinniges und hochbegabtes Mädchen. Die Familie, säkular-jüdisch, gehört zur gehobenen Berliner Gesellschaft; die Tochter, genannt Lotte, wächst im Schatten dieser großbürgerlichen Welt heran, in der Obhut wechselnder Kindermädchen. Nach dem 30. Januar 1933 wird alles anders . Der Vater verliert seine Professur; die Engagements Paula Lindbergs werden abgesagt; Charlotte wird in der Schule diskriminiert, sie verlässt das Gymnasium ein Jahr vor dem Abitur; danach wird sie für wenige Monate in der Kunstakademie immatrikuliert. Anfang 1939 schicken die Eltern sie ins Exil nach Südfrankreich, wo die Großeltern mütterlicherseits schon seit 1933 leben; sie wehrt sich heftig gegen die “Verschickung”, doch sie muss sich fügen. Den Eltern selbst gelingt nach dem Novemberpogrom die Flucht nach Holland, wo sie den Krieg überleben. Die Lebensgeschichte der Familie Salomon ist überschattet von einer Kette persönlicher Tragödien: Nervenkrisen und -zusammenbrüche, Suizide und Suizidversuche. In Frankreich wird Charlotte von ihrem Großvater über die Familiengeschichte aufgeklärt: vier Frauen, darunter eine Tante und eine Gromutter, sind in kurzer Zeit durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Der Freitod der Mutter wird der damals neunjährigen Tochter verschwiegen (man erzählt ihr, die Mutter sei an Grippe verstorben). Charlotte ist entsetzt; sie fürchtet, wahnsinnig zu werden. 1943 heiratet Charlotte Salomon den österreichischen Flüchtling Alexander Nagler. Nach der Kapitulation Italiens besetzen deutsche Truppen auch den Süden Frankreichs. Am 23. September werden Charlotte und ihr Mann verhaftet; am 7. Oktober beginnt die Deportation. Charlotte Salomon, 26 Jahre alt und im fünften Monat schwanger, wurde gleich nach der Ankunft in Auschwitz umgebracht. Es gibt noch eine dritte Dimension in dieser Geschichte: die Kunst. Auf Rat ihres Arztes beginnt Charlotte Salomon, wieder zu malen: Malen als psychische Selbsttherapie, als Katharsis. Mitte 1940 mietet sie ein Zimmer in einer Pension mit Blick auf das Meer. In diesem Raum, den sie in den nächsten zwei Jahren kaum verlässt, malt sie die Geschichte ihres Lebens. Es entstehen über 1300 Gouachen, von denen sie schließlich 769 in ein Bündel sortiert und mit einem Titel versieht: “Leben? oder Theater?” Anders als die vorliegenden Biographien nähert sich Greiner der Lebensgeschichte Charlotte Salomons über die Bilder, von denen eine Auswahl von 24 Illustrationen in einem Bildteil am Anfang des Buches vorgestellt werden. Weitere Bilder werden im Text anhand der Katalognummern des Jüdischen Historischen Museums in Amsterdam identifiziert und können so von den Lesern über eine spezielle Website des Museums abgerufen werden: eine originelle Art der Intermedialität, die den besonderen Möglichkeiten des Internet in sinnvoller Weise gerecht wird.