Leserstimme zu
Das zweite Gesicht

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Eine langsame Geschichte voller Tiefgang

Von: Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
08.12.2017

Das Leben ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts für die arme Landbevölkerung nirgendwo einfach gewesen. Besonders hart hat es jedoch die 15jährige Polly getroffen: Ihr bösartiger und gewalttätiger Vater hat nicht nur versucht, ihren kleinen Bruder zu töten, sondern vergeht sich auch Nacht um Nacht an ihr. Ihre geschlagene Mutter unternimmt nichts, um sie vor ihm zu schützen. Als sich die Gelegenheit bietet, legt Polly Feuer und flüchtet mit Mutter und Bruder von der Farm. Ihre Mutter lässt sie und ihren kleinen Bruder bei den „Shakern“ zurück, einer hart arbeitenden christlichen Gruppierung. Die Geschwister werden getrennt und Polly lernt die gleichaltrige Charity kennen, die bei den Shakern aufgewachsen ist. Während Polly versucht, sich in die Glaubensgemeinschaft einzufügen und gleichzeitig fürchtet, ihr Vater könne sie finden, und wegen der Brandstiftung von Schuldgefühlen heimgesucht wird, macht sich an ihrem Wohnort Simon Pryor, der Brandinspektor, auf der Suche nach den Ursachen des Brandes auf der Farm. Er steht in der Schuld eines reichen Unternehmers, der auf der Suche nach billigem Land ist, um dort „Mühlen“ – mit Wasserkraft betriebene Fabriken – zu bauen. Schon wieder die Geschichte einer jungen Frau, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Aber diese hier hat schon viel gesehen, viel mehr, als eine Fünfzehnjährige überhaupt aushalten kann. Daneben geht es um die Geschichte der USA im 19. Jahrhundert, einen Einblick in eine der damals überall spriessenden christlichen Gemeinschaften, eine Befreiungsgeschichte aus häuslicher Gewalt, und das alles gewürzt mit einer grossen Dosis Sozialkritik. Schafft es May, Pollys Mutter, das Erbe ihrer Kinder vor all gierigen Händen zu schützen, die es an sich reissen wollen? Wird Polly bei den Shakern glücklich? Kann man so leben: Vorhersehbar, in Wohlstand und ohne körperliche Gewalt, aber auch ohne Liebe und Zärtlichkeit zwischen Familienmitgliedern oder gar Liebenden? Rachel Urquharts Debütroman liest sich am Anfang so zäh wie die Schriften der Shaker. Die Handlung schreitet nur langsam voran – aber es ist auch eine langsame Zeit und eine langsame Geschichte. Um die Handlung und die Motivation der Protagonisten zu verstehen, muss man tief in den Kontext eintauchen: Das Gesetz des Stärkeren, das jener Zeit vorherrschte, das Leben der von der Welt abgeschotteten evangelischen Freikirchen, die Gewalt und die Tatsache, dass es trotz all dem gute Menschen gab, die anderen helfend zur Seite standen. Auch wenn es weit entfernt ist von dem, was ich sonst so lese: Ich bereue nicht, das Buch gelesen zu haben! Ich lernte neue, interessante Charaktere kennen und das Volk der Shaker, von denen ich bisher nicht mal wusste, das es existierte und durfte eintauchen in eine mir bisher unbekannte Welt.