Leserstimme zu
Nachtlichter

Auf der Klippe und zurück

Von: Elke Heid-Paulus
04.01.2018

Die Orkneys, eine Inselgruppe ganz oben im schottischen Nordwesten. Wasser, Wind, Gras und Steine. Kaum Perspektiven für die Zukunft. Kein Wunder, dass es die jungen Inselbewohner auf das Festland zieht. Nach Süden, dorthin, wo das Leben pulsiert. In die Metropolen. Nach Edinburgh oder London. So auch Amy Liptrot, die als Achtzehnjährige den Sprung in die Großstadt wagt. Voller Vorfreude auf diesen neuen Lebensabschnitt. Ein Elternhaus hinter sich lassend, in dem eine zutiefst religiöse Mutter und ein manisch-depressiver Vater zurückbleiben. Dann die Metropole mit ihren Verlockungen an jeder Straßenecke. Partytime. Drogen, der Alkohol fließt in Strömen. Aber die Einsamkeit tief drinnen bleibt. Noch mehr Party, noch mehr Alkohol, bis alle Freunde das Weite gesucht haben und auch der Job weg ist – Absturz. Amy Liptrot ist ganz, ganz unten angekommen. Aber sie rappelt sich auf und sucht Hilfe. Macht einen Entzug, eine Therapie. Doch sie weiß auch um die Fallstricke, die auf diesem schweren Weg lauern. Sie braucht Abstand von ihrem bisherigen Leben, damit der Therapieerfolg nicht gefährdet wird, damit sie der Versuchung nicht nachgibt und rückfällig wird. Zurück zu den Wurzeln, zu den Orten ihrer Kindheit und Jugend, nach zehn Jahren zurück auf die Orkney Inseln. Im Angesicht der rauen Elemente, fernab des städtischen Komforts, ohne Ablenkungen, zurückgeworfen auch sich selbst, und so findet sie jeden Tag ein bisschen mehr zu sich zurück. Erstmals setzt sich Liptrot mit ihrer Heimat intensiv auseinander. Studiert die Geschichte, beobachtet das Meer, setzt Steinmauern, hilft beim Lammen und wird zur Wachtelkönig-Beauftragten der örtlichen Vogelschutz-Stiftung. Und sie findet eine neue Droge – das tägliche Schwimmen in der eiskalten See zu jeder Jahreszeit. Aber auch das Schreiben, die Reflexionen ihrer Vergangenheit und Gegenwart, helfen der Autorin bei der Verarbeitung ihrer Sucht. Und so ist „Nachtlichter“ entstanden, ein Bestseller in Großbritannien, der sowohl mit dem „Wainwright Prize for Best Nature and Travel Writing“ als auch mit dem „PEN Ackerly Prize“, der für gelungene Autobiographien vergeben wird, ausgezeichnet wurde. Eine höchst beeindruckende Lektüre, zum einen wegen der schonungslosen Offenheit, mit der die Autorin ihre Sucht beschreibt, zum anderen wegen der beeindruckenden Schilderung dieser rauen Inselgruppe im hohen Norden. Lesen!