Leserstimme zu
Wir werden erwartet

Würdiger Abschluss

Von: Elena
15.01.2018

Auf Ulla Hahns Bücher bin ich erst im Zuge eines Seminars über die DDR und Post-DDR gestoßen und war sofort von ihrer Sprache in den ersten drei Bänden "Das verborgene Wort", "Aufbruch" und "Spiel der Zeit" begeistert! Mit ihrem vierten Band: "Wir werden erwartet" beendet sie nun ihre Tetralogie und autobiographischen Schriften, an denen sie fast 20 Jahre gearbeitet hat. Sie hat hiermit einen würdigen Abschluss ihres Romanzyklus vorgelegt, der dort ansetzt, wo der dritte Roman geendet hat. Hilla Palm, das Alter Ego der Autorin, ist nun mit ihrem Kommilitonen Hugo verlobt und arbeitet in Köln an ihrer Doktorarbeit. Doch Hugo stirbt bei einem Unfall und Hilla stürzt in die größte Krise ihres bisherigen Lebens. Schließlich gelingt es dem alten Pfarrer aus ihrem Heimatort Dondorf, ihr durch Zeichen und Verständnis, so etwas wie Halt und Orientierung zu geben. Auf einer WG-Party lernt sie Marga kennen, die ebenfalls an ihrer Dissertation schreibt und in der sie einen Leidensgenossen gefunden zu haben glaubt. Die Treffen mit Marga sind für Hillas politische Aktivierung, die Lektüre der marxistischen Klassiker und schließlich die Mitgliedschaft in der DKP entscheidend und so landet sie schließlich in Hamburg. Dort glaubt sie zunächst, den richtigen politischen Ort und eine neue Heimat gefunden zu haben. Ihr politisches Engagement bringt sie auch in einen neuen Kontakt mit ihrer Herkunft, mit ihrem Vater und ihrem geliebten Bruder. Nach und nach tauchen jedoch erste Zweifel auf an der Ideologie der Partei, doch es wird einige Jahre dauern, bis sie sich davon befreien kann. Sie bemerkt, dass eine eigene Meinung nicht wirklich erwünscht ist und von ihr verlangt wird, dass sie Zusammenhänge so zu sehen, zu interpretieren hat, wie die Partei es will. Den Rest gibt ihr eine Fahrt zu den Genossen nach Ost-Berlin. Sie erlebt das durchgängige Bespitzelungssystem in der DDR und die Auswirkungen auf die Bevölkerung hautnah. Sie pocht auf ihr eigenständiges Denken und ihre Sprache und will sich das nicht bieten, vor allem nicht verbieten lassen. Die Distanz zu den Genossen wird immer größer, Hilla zieht sich immer mehr zurück und gibt letztlich ihr Parteibuch wieder ab. Und immer wieder schreibt sie Gedichte, versucht in ihrer Sprache eine Heimat zu finden, überzeugt davon, dass es vielleicht eine Welt ohne Gott, nicht aber ohne Wort geben kann. Meine Meinung: Wenn man Ulla Hahns immense Leistungen als Prosaschriftstellerin und Lyrikerin auch nur annähernd begreifen möchte, kommt man an Wir werden erwartet nicht vorbei. Es geht um Sehnsucht und Leidenschaft, um Wahrheit und Glauben, um den Kampf für Gerechtigkeit und den selbstverantworteten Glauben an "Dendaoben" in einer sich verändernden Welt voller Gewalt und Ungerechtigkeit. Und es geht darum, wie Liebe alte Verletzungen heilen kann. Ein, wie ich finde, mal wieder sehr beeindruckender Roman. Ihrem inzwischen gewohnten narrativen Stil bleibt die Autorin treu und ihre Ich-Erzählerin lässt immer wieder Kommentierungen zu. So wie in den ersten Bänden der Trilogie entscheidet sich Hahn auch hier für eine Großstrukturierung ihres Textes in drei Teile: „Der Tod“, „Der Kampf“, und „Das Fest“, die wiederum in viele kleine Abschnitte zerfallen. Im Vergleich zu ihren Vorgängerromanen fand ich diesen ein wenig langatmig und zum Teil stockend und zäh. Aufgelockert wird dieser Eindruck dann aber wieder durch ihren zeitweise ironisch heiteren Unterton, mit denen sie sprachlich in Distanz zu den Inhalten geht. Insgesamt mehr Fahrt nimmt der Text auf, wenn die Erlebnisse während der Reise in die DDR und damit die Konfrontation mit dem real existierenden Sozialismus im Mittelpunkt stehen. Wie immer bei Ulla Hahn ist die poetische Leistung einfach großartig und mir gefallen die eingearbeiteten Gedichte und ihre Sprache sehr. Fazit: Mit diesem letzen Band ist Ulla Hahn eine überaus lesenswerter, jedoch etwas zu langgezogener Roman gelungen, der neben den biografischen Elementen der Hilla Palm und ihrer Familie die Zeit nach 1968 lebendig werden lässt, mit all den langatmigen Diskussionen ums „richtige Leben“. „Wir werden erwartet“ ist ein großer autobiographisch geprägter Roman und ein gelungener Abschluss einer Tetralogie, die sich über die ersten drei Jahrzehnte Nachkriegsdeutschlands erstreckt. Eine wahre Liebeserklärung an die Sprache, ihren Reichtum und ihre Schönheit und ein Loblied des Lebens und dessen, der es schenkt und bewahrt. Heute gibt es für den überaus poetischen Roman aber keine volle Punktzahl, da ich ihre letzten Bände als ein wenig besser und nicht so zäh empfand. Dennoch ein würdiger Abschluss für dieses großartige Lebenswerk.