Leserstimme zu
Der Tag, an dem Rose verschwand

Die Rezension bezieht sich auf eine nicht mehr lieferbare Ausgabe.

Interessante Grundidee, mittelmäßige Umsetzung

Von: FrauWolkenweiss
27.02.2015

An einem Tag im August 1990 verschwindet Rose. Von einer Minute auf die andere ändert sich nicht nur das Leben ihrer Eltern, sondern auch das von Anna, Roses jüngerer Schwester. Zwanzig Jahre später leidet Anna immer noch unter dem Verschwinden ihrer großen Schwester Rose, deren Verbleib bis zu diesem Tag nicht aufgeklärt wurde und deren Namen nicht mehr genannt werden darf. Doch nun ist sie an einen Punkt gelangt, an dem sie beginnt alles zu hinterfragen. Sie trennt sich von ihrem Partner Martin und zieht in ein Haus außerhalb Londons. Dort beginnt sie Roses Verschwinden zu erforschen und deckt dabei lang gehütete Geheimnisse auf. “Auf der Kommode stand ein Foto von Rose, als hätte es die Macht, sie zurückzubringen. Dahinter verströmte ein Blumenstrauß in einer Vase, meistens Rosen, seinen Duft, bis die Welken Blüten herunterhingen. In der warmen Jahreszeit holte Sandra die Blumen aus dem Garten; im Winter kaufte sie Rosen oder Lilien im Blumenladen. Das Ritual war so eingespielt, dass keiner von ihnen ein Wort darüber verlor.” (S. 81) „Der Tag, an dem Rose verschwand“ von Linda Newbery sprach mich vor allem wegen des tollen Covers an und ließ mich eine spannende, tragische Geschichte, um das Verschwinden einer jungen Frau vermuten. Diese Geschichte wird in langen, ausschweifenden Sätzen abwechselnd von der Protagonistin Anna und ihrer Mutter in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit erzählt. Dies verleiht dem Buch etwas Besonderes, da der Leser eine privilegierte Rolle gegenüber den anderen Figuren einnimmt und somit viel mehr über die Hintergründe der Handlungen weiß als die Betroffenen. Die Einschübe aus der Vergangenheit sind gut platziert und unterbrechen zu keiner Zeit den Lesefluss, was zu einem runden Lesegefühl führt. Dennoch schafft es das Buch nicht die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten und schwächelt stellenweise. An sich ist die Thematik sehr interessant, denn das Verschwinden eines jungen Mädchens lässt verschiedene Vermutungen aufkommen. Und obwohl dieses Ereignis eigentlich im Vordergrund stehen sollte, wurde diese Handlung immer nebensächlicher. “Für mich geht es darum herauszufinden, wer man wirklich ist. […] Also, du kannst einfach so deine Zeit rumbringen, ich meine, du tust, was man dir sagt, und du denkst so, wie du es gelernt hast. Wie kannst du je rausbekommen, wer du wirklich bist, wenn du einfach immer so weitermachst? Du bist der Einzige, der das rausfinden kann, in dem du alles loslässt, was dir wichtig erscheint.” (S.170) Es ging viel mehr darum, wie die einzelnen Figuren mit den Konsequenzen des Verschwindens klarkommen und wie ihr Leben dadurch beeinflusst wurde. Dementsprechend war ich etwas enttäuscht, dass das spektakuläre Verschwinden, das so viele Leben verändert hat, gegen Ende total banal wirkt. Es hat mich wirklich geärgert, in welche Richtung sich das Buch entwickelte und ließ mich unglücklich zurück. Auch die Charaktere wirken irgendwie surreal und durch Roses Verschwinden auf eine Art und Weise gebrochen. Protagonistin Anna schafft es trotz dessen, dass sie sich bereits in ihren 30ern befindet, nicht in ihrem Leben Fuß zu fassen und lebt von einem Tag in den nächsten. Ihre einzige Konstante ist ihr Freund Martin, dessen Beruf und familiäre Situation ihn zu einem Mann gemacht haben, der mit beiden Beinen im Leben steht. Doch bald fühlt Anna sich von ihm eingeengt und strebt ihrer Freiheit entgegen. Annas Mutter hat den Verlust ihrer Tochter nie verkraftet und weigert sich daran zu glauben, dass Rose tot ist. Sie glaubt an einen Familienfluch, da auch ihr großer Bruder im Alter von 18 Jahren starb und macht sich deswegen Vorwürfe. Zusammengefasst kann man von einer zerrütteten Familiengeschichte sprechen, deren Figuren niemals mit dem Verlust einer wichtigen Person fertig geworden sind und ihr Leben dadurch zerstören. Fazit Obwohl die Geschichte vielversprechend begann, wurde das Potenzial leider verschenkt. Es lenken viel zu viele Dinge vom eigentlichen Geschehen ab und führen in Sackgassen, die nicht weiter erzählt werden.