Leserstimme zu
Der Lavendelgarten

Wieder einmal ein toller Lucinda Riley Roman!

Von: FrauWolkenweiss
27.02.2015

Eben noch am Sterbebett ihrer Mutter muss sich Emilie im nächsten Moment Gedanken über ihr Erbe machen. Sie ist die einzige verbleibende „de la Martinières“ und ist somit nicht nur die einzige Nachfahrin eines alten französischen Adelsgeschlechtes, sondern auch noch Schlosserbin. Das stark renovierungsbedürftige Château im Süden Frankreichs ist für die mittlerweile in Paris lebende Emilie, die sich nie viel aus Geld und ihrem Titel gemacht hat, eine echte Bürde, da sie sich über den Verbleib ihres Erbes noch unschlüssig ist. Wird sie es mit ihrem geerbten Geld renovieren lassen oder es verkaufen und zu ihrem alten Leben als Tierärztin zurückkehren? Da sie von Finanzen und Zahlen keine Ahnung hat, ist sie umso erleichterter, als sie in einem Café von Sebastian, einem jungen Engländer angesprochen wird, der von ihrem Verlust gelesen hat und ihr unter die Arme greifen möchte. Bald schon scheint alles unter Kontrolle, doch welche Absichten hegt der charmante junge Mann? “Intelligente Menschen leiden genauso wie andere, die sich abmühen müssen. Mein Vater hat immer gesagt, Begabungen sind am besten, wenn man sie in überschaubarem Maß besitzt. Zu viel oder zu wenig bringt Probleme.” (S.193f) Als großer Lucinda Riley Fan musste ich mir nach „Das Mädchen auf der Klippe“ sofort „Der Lavendelgarten“ kaufen. Ich liebe Rileys Art einen ganz unvermittelt von einem Moment zum anderen mitten in das Geschehen zu katapultieren. Was ruhig beginnt, nimmt immer mehr Fahrt auf, kommt zum Höhepunkt und behält diese Atmosphäre meist bis zur letzten Seite bei. Dabei ist sie so detailliert, dass man ab und an meint, den Lavendel förmlich riechen zu können und die letzten Sonnenstrahlen Südfrankreichs auf der Haut zu spüren. Dabei stören die 528 Seiten keinesfalls den Lesegenuss oder ziehen sich gar unsagbar in die Länge. Wie immer ist es vom Lesegefühl genau richtig und lässt zum Schluss einen rundum zufriedenen Leser ohne offene Fragen zurück. Die Handlung erstreckt sich über zwei Zeitebenen. Die erste spielt ab 1998, und beginnt mit dem Tod von Emilies Mutter und dem Erbe vom Château in Südfrankreich. Als Emilie dort den Betreiber des Schlossweinguts trifft, erzählt der nicht mehr ganz so junge Jacque, aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Zufälligerweise kannte Jacque die Großmutter des jungen Engländers, den Emilie zuvor im Café kennengelernt hatte. Constance Carruthers lebte für einige Zeit auf dem Weingut. Dies führt zu der zweiten Handlungsebene, die sich ab 1943 ereignet. Als Leser begleitet man die junge Constance, die beim MI5 arbeitet und zur SOE-Agentin (Special Operations Executive) befördert und ausgebildet wird. Als geheime Agentin soll sie nach Paris, um dort ihre Fähigkeiten als ausgebildete Killerin unter Beweis zu stellen und somit dazu beitragen, dass der Zweite Weltkrieg ein baldiges Ende findet. Wie man sich an dieser Stelle denken kann, verläuft natürlich nicht alles nach Plan. “Je intelligenter man ist, desto mehr denkt man nach; je mehr man nachdenkt, desto mehr wird einem klar, wie sinnlos das Leben ist, und desto mehr möchte man dieser Sinnlosigkeit entkommen.” (S.250) Der stetige Wechsel der Protagonisten gefiel mir sehr gut. Es störte keinesfalls den Lesefluss und ich kann nicht sagen, welcher Teil mir besser gefiel. Beide hatten ihre Reize und Spannungsbögen. Die unsichere naive Emilie macht im Laufe des Buches eine große Entwicklung durch und wurde mir, auch wenn ich mir zwischendurch aufgrund ihrer Naivität die Haare raufen wollte, zunehmend sympathischer. Constance hingegen ist eine starke, vom Krieg geprägte Frau, deren Geschichte und Karriere als SOE-Agentin einen interessanten Aspekt in die Geschichte brachte. Fazit Ein toller Lucinda Riley Roman, der mir sogar besser als „Das Mädchen auf den Klippen“ gefiel. Man lernt einiges über die sogenannten „SOE-Frauen“ und wie sie für ihr Land ihr Leben riskierten. Ein toller und flüssiger Wechsel zwischen den Zeiten und eine klare Empfehlung für verregnete Sonntagnachmittage.