Leserstimme zu
Dunbar und seine Töchter

"Keine Gnade, nicht in dieser Welt und in keiner anderen"

Von: Jen Eyre
05.02.2018

Rezension 🌟🌟🌟 Zum Einstieg in diese Rezension möchte ich vorwegnehmen, dass ich ein wirklich leidenschaftlicher Shakespeare-Nerd und Puristin bin. An seine Einsicht in die menschliche Natur, seine ergreifende Sprache und die Kraft seiner Erzählung kommt in meinen Augen kein anderer Autor heran. Mit entsprechend großem Interesse verfolge ich die Hogarth Shakespeare Reihe: Namenhafte Autoren erzählen Shakespeares Werk nach - mit sehr gemischten Ergebnissen. Klares Highlight der Serie war für mich "Hexensaat" von Margaret Atwood (Nacherzählung von "The Tempest"), die Werke von Jeanette Winterton ("Der weite Raum der Zeit" ="A Winter's Tale") und Ann Tyler ("Die störrische Braut" = "The Taming of the Shrew") waren im unterhaltsamen Mittelmaß anzusiedeln. Einzig über Tracy Chevaliers Othello-Adaption möchte ich lieber den Mantel des Schweigens hüllen. Nun reiht sich also Edward St. Aubyn in die illustre Riege der Hogarth-Autoren ein und versucht sich an einer der größten Shakespeare'schen Tragödien, King Lear. St. Aubyns Lear ist Henry Dunbar, Medienmogul und skrupelloser Geschäftsmann, der sich zu Beginn des Romans in einem Sanatorium in Cumbria wiederfindet, unter Drogen in eine Episode des Wahnsinns getrieben durch zwei seiner Töchter, Abigail und Megan (alias Goneril und Regan). Ein Fluchtversuch an der Seite seines Mitinsassen Peter Walker führt Dunbar allein in die cumbrische Wildnis und auf eine Reise in sein Innerstes. Zeitgleich versuchen seine intriganten Töchter mit Hilfe von Dunbars Leibarzt, Dr. Bob, die Kontrolle über das Imperium ihres Vaters an sich zu reißen, während Florence (aka Cordelia), jüngste und einst liebste Tochter, versucht, ihren Vater zu retten. Liest man "Dunbar und seine Töchter" als Familiendrama und Gesellschaftsroman, so überzeugt die Geschichte und vermag zu unterhalten. Da es sich aber um eine Lear-Adaption handelt, muss sich St. Aubyn dem Vergleich zum Original aussetzen, dem sein Werk leider nur teilweise gerecht wird. Die Umsetzung Dunbars/Lears Wahnsinn, seine Verirrung im Selbst, sein verzweifeltes Begehren nach Vergebung ist meisterhaft dargestellt. Der Figur des Lear kommt der gealterte Henry sehr nah, die innere Zerrissenheit und Fragilität wird mit fast schon fieberhafter Intensität vermittelt. Auch Florence, Dunbars in Ungnade gefallene Lieblingstochter wird ihrem Pendant Cordelia gerecht. Ihre ehrliche Fürsorge und aufrichtige Liebe für ihren Vater, allen Widrigkeiten zum Trotz, ist bewegend, ohne je ins Kitschige abzudriften. Mit ihren beiden Halbschwestern Abby und Meg leistet St. Aubyn seinem Vorbild allerdings keinen Dienst. Während Shakespeare stets auch seine Antagonisten dreidimensional und ambivalent zeichnet, sind die Schwestern in "Dunbar" schlicht böse. Die meiner Meinung nach überzogene und der Geschichte wenig zuträgliche Fokussierung auf ihre perverse Sexualität, ihre stupide Grausamkeit und Verderbtheit schmälert ihre Boshaftigkeit mehr, als dass sie sie hervorhebt. Auch aus ihrem Mitverschwörer wider Willen, Dr. Bob (ich vermute, er soll Edmund darstellen, was in meinen Augen aber leider misslungen ist) wurde ich nicht so recht schlau. Ein echter Konflikt bleibt so leider nur angedeutet und das Potenzial dieser zwei sehr komplexen Charaktere ungenutzt. Das Ende ist angemessen tragisch, wobei die dem Original innewohnende Katharsis gänzlich fehlt. Unterm Strich bietet uns Edward St. Aubyn mit "Dunbar und seine Töchter" einen psychologischen, tragischen Familienroman, der durchaus zu unterhalten vermag, seiner großen Vorlage jedoch nicht in allen Punkten gerecht wird. Nichtsdestotrotz eine lesenswerte Geschichte, die die Leserin berührt und bewegt. Ich bedanke mich bei der Verlagsgruppe Randomhouse für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Meine ehrliche Meinung wurde hierdurch nicht beeinflusst.