Leserstimme zu
Die Farbe des Sturms

Gelungenes Debüt

Von: Diamondgirl aus Stolberg
06.03.2018

Im Sommer 1935 auf den Florida-Keys spielt der Debüt-Roman von Vanessa Lafaye, und zwar in den Tagen um den Unabhängigkeitstag (4. Juli). Hunderte Weltkriegs-Veteranen haben die undankbare Aufgabe, im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms der Regierung Baumaßnahmen durchzuführen - in diesem Roman den Bau einer Brücke. Die Zustände innerhalb des Veteranen-Lagers sind eigentlich unhaltbar und dementsprechend ist auch das Benehmen und demzufolge der schlechte Ruf dieser Veteranen. Das fiktive Städtchen Heron Key in der Nähe dieses Lagers wird sowohl von Weißen als auch Schwarzen bewohnt - jeder natürlich seiner Rolle in der Gesellschaft gemäß. In den Südstaaten war es zu jener Zeit nicht einfach für Schwarze. Lynchjustiz war an der Tagesordnung und wurde auch nicht weiter verfolgt. Henry ist ein schwarzer Veteran, der in Frankreich an der Front für sein Land gekämpft hat. Seine Hoffnungen auf ein besseres Zusammenleben und mehr Achtung für Farbige werden nach der Rückkehr jäh enttäuscht. Statt versprochener Boni des Staates erwartet vor allem die Schwarzen das alte Elend wieder. In den USA hat sich nichts geändert und zudem leiden alle Veteranen an posttraumatischen Störungen. Etliche Jahre treibt er durch die Staaten, bis er wegen des Beschäftigungsprogramms wieder in seiner Heimat Heron Key strandet. Missy lebte all die Jahre in Heron Key. Sie war noch ein halbes Kind, als Henry in den Krieg zog und seitdem hat sie auf ihren Helden gewartet. Am 4. Juli treffen sie sich wieder und hier beginnt das Buch. Ich war von diesem Buch sehr angenehm überrascht, denn vom Klappentext her liest es sich so, als wäre es nur eine der üblichen Lovestories. Das ist es jedoch beileibe nicht. Vielmehr wird ein breiter Fächer jener Zeit aufgeblättert, der sie wirklich vor dem geistigen Auge auferstehen lässt: Der herrschende Rassismus und seine dunkelsten Seiten, nicht vorhandene Emanzipation, die Arroganz und Gleichgültigkeit der Regierenden, die erbärmlichen Zustände in den Veteranencamps sowie den in Gänze unverständlichen Umgang mit den eigenen Helden, den Kriegsveteranen und letztlich die Urgewalt der Natur, der gegenüber alle Menschen ungeachtet ihres gesellschaftlichen Ansehens hilflos ausgeliefert sind. Dabei findet die erwähnte Romanze dankenswerter Weise lediglich beiläufig statt. Kernthema sind zweifellos die immer stärker werdenden Spannungen zwischen den Veteranen und Einheimischen. Als eine halbtot geprügelte weiße Frau nach dem Fest zum Unabhängigkeitstag gefunden wird, geraten selbstverständlich die Veteranen ins Visier der Einheimischen. Während der Nachforschungen und der Tätersuche braut sich ein verheerender Hurrikan zusammen und die routinemäßigen Vorbereitungen zum Schutz der Bevölkerung laufen an. Doch einen solchen Sturm hat die Stadt noch nicht gesehen! Von Beginn an konnte mich der Schreibstil für sich gewinnen und ich tauchte ab in die Handlung des Buches. Ein Stoff, der sich hervorragend für einen Katastrophenfilm eignen würde! Die Protagonisten wurden sehr gut heraus gearbeitet, sodass Persönlichkeiten entstanden. Vom sympathischen Hauptdarsteller bis zum Widerling hatte jeder irgendwann ein festes Bild vor meinem geistigen Auge. Gleichzeitig erfuhr man wirklich interessante Fakten über Zeit und Ort des Geschehens. Vieles wurde gnadenlos beschrieben, ohne sensationslüstern zu wirken. Mich hat dieses Buch ausgesprochen gut unterhalten und die Nähe zum tatsächlichen Ereignis vom Laborday 1935 gab dem Ganzen noch ein Zückerchen obendrauf. Die Erläuterungen zu Beginn und am Ende des Buches waren diesbezüglich sehr aufschlussreich. Im letzten Drittel habe ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen können. Manches war leider recht früh zu durchschauen (ähnlich wie bei Katastrophenfilmen ;-) - wie z. B. der Täter der Gewalttat, weshalb es 1 Stern Abzug gibt von mir. Fazit: Ein rundum gelungener und spannender Debüt-Roman mit geschichtlichem Aufklärungs-Potenzial